Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
23. Literaturherbst: Mammutprogramm und Bestsellerautoren

Mehr als 50 Veranstaltungen 23. Literaturherbst: Mammutprogramm und Bestsellerautoren

Der 23. Göttinger Literaturherbst startet am Freitag, 10. Oktober. Zehn Tage später sollen mehr als 50 Veranstaltungen über 20 Bühnen in Göttingen und der Region gegangen sein – ein Mammutprogramm.

Voriger Artikel
„Kultur im Kreis“: Ensemble Trigon auf der Burg Adelebsen
Nächster Artikel
Wise Guys mit neuem Album „Achterbahn“
Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Bestsellerautoren wie Frank Schätzing und Ferdinand von Schirach sind dabei, neue Stars der Szene wie Nino Haratischwili und Ned Beauman, renommierte Autoren wie Axel Hacke, Judith Hermann und Max Goldt.

Prominente wie Katrin Bauerfeind, Roger Willemsen, Jürgen Trittin und Rolando Villazón präsentieren ihre Bücher. Und: Schon jetzt sind mehr als 5500 Eintrittskarten verkauft. Das Festival scheint ein Erfolg zu werden.

Der erste Roman von Judith Hermann
Von Christiane Böhm

Mit dem Glück ist das so eine Sache. Ein Häuschen in einer Vorortsiedlung, Job, Ehemann und ein Kind. Für Stella ist das vor allem ein angenehmes, zufriedenstellendes Leben. Bis ein Stalker die Vorortidylle ins Wanken bringt. Ist die Beziehung zum Ehemann nicht längst erkaltet? Der Job der richtige?

Stella treiben Sehnsüchte um nach etwas anderem, sie weiß nur noch nicht was. Stella ist die Protagonistin in Judith Hermanns erstem Roman „Aller Liebe Anfang“, der im August erschienen ist.

Die Berliner Autorin hat seit 1998 drei Erzählbände veröffentlicht. Vor allem ihr erster, „Sommerhaus, später“, wurde vom Feuilleton gefeiert, die 1970 geborene Hermann zur Stimme ihrer Generation ernannt. Diese Generation ist nun da angekommen, wo Hermanns Roman ansetzt. Sie sind Ende 30, Anfang 40. Sie feiern nicht mehr in Berlin die Nächte durch, und das ganze Leben liegt auch nicht mehr vor ihnen. Entscheidungen sind getroffen, ob sie gut oder schlecht waren, zeigt sich langsam. Stellas Entscheidung war die Ehe mit Jason und das hübsche Eigenheim. Ihr Stalker, Mister Pfister, ist ein widersprüchlicher Sonderling.

Um den Roman hat sich inzwischen eine Kritikerdebatte entwickelt. Befeuert wurde sie vor allem durch die Kritik von Edo Reents in der FAZ. Hermann könne nicht schreiben, und sie habe nichts zu sagen. So beginnt der Kritiker seinen Text. Sprachliche Ungenauigkeiten, schiefe Wortspiele, endlose Wiederholungen. Seine Liste ist lang. Iris Radisch warf ihm daraufhin in der „Zeit“ die Anwendung „angestaubter literaturpolizeilicher Dienstregeln“ vor.

Sicher sind Hermanns Stilmittel, die kurzen Sätze, die vielen kleinen, manchmal belanglosen Details nicht immer treffend. Sie schaffen aber die spezielle Atmosphäre der Texte der Berlinerin. Der Sog, den ihre Erzählungen haben, stellt sich auch im Roman ein. Das Buch liest sich gut, so recht will man es nicht aus der Hand legen. Hat man es aber weggelegt, zieht es einen nicht unbedingt zurück. Eigentlich ist dann nur noch von Interesse, wie diese Geschichte mit dem Stalker ausgeht. Das Buch ist gut, reizvoll, und kommt doch nie zu einem Kern.

Sie habe nichts zu sagen, wird ihr vorgeworfen. Hermann beobachtet ihre Generation beim Älterwerden. Und vielleicht ist das Leben dieser Generation gerade so vage, so unentschieden, so zwischen Resignation, Zufriedenheit und Aufbruch. Und dann ist es Hermann mit diesem ambivalenten Werk eben doch wieder gelungen, ihrer Generation eine Stimme zu geben.

Die Autorin liest aus ihrem Roman beim Göttinger Literaturherbst am Sonntag, 12. Oktober, um 19 Uhr im Deutschen Theater. Judith Hermann: Aller Liebe Anfang. S.Fischer, 224 Seiten, 19,99 Euro.

 
„Kunststücke“ von Rolando Villazón
Von Marie Varela

Und jetzt schreibt er auch noch. So möchte man angesichts der medialen Omnipräsenz von Startenor Rolando Villazón als erstes über sein Debüt als Schriftseller denken. Ob in  „Verstehen Sie Spaß?“,  in der Jury von „Dein Song“ auf Kika oder in „Deutschlands Superhirn“ mit Jörg Pilawa, nicht zu vergessen die Talkshows, in denen er stets den vor Einfällen sprühenden, sympathischen Gesprächspartner inklusive Ständchen gibt: Wenn man den Fernseher anstellt, ist der Sänger mit französisch-mexikanischen Wurzeln leicht zu finden.

Das kann man finden wie man will. Er ist eben offen für vieles und kein Schuster, der bei seinen Leisten bleibt. Zum Glück, denn mit seinem ersten Roman „Kunststücke“ legt Villazón ein sprachgewaltiges, poetisches Werk vor, dessen Handlungsebenen kunstvoll und anspruchsvoll ineinander verwoben sind und das sich zu Recht Literatur nennen kann. Auf rund 260 Seiten werden allerhand philosophische Fragen angerissen, zum Beispiel wie wahr die Wirklichkeit ist, und wie viele Ichs in jedem Einzelnen von uns stecken. Dass sich der Startenor mit den großen Philosophen mehr als auskennt, adelt das Geschriebene.

Protagonist ist der Clown Macolieta, der mit seinen Freunden Max und Claudio seine Kunststücke auf Kindergeburtstagen aufführt. Sein wichtigster Begleiter ist das blaue Buch, in dem er über sein Alter Ego, den Clown Balancín, schreibt. Der hat Erfolg, Geld und eine Frau, die ihn liebt. Macolieta dagegen lebt zusammen mit einer Sonnenblume und einer Spinne als Haustier, verliert jeden Abend beim Schachspielen und hat seiner großen Liebe Sandrine seine Gefühle nie gestanden.

Eine zentrale Frage, die sowohl Macolieta als auch Balancín umtreibt,  ist der Preis des Ruhms. „Mit dem Ruhm erlangt man künstlerische Freiheit“, so beruhigt  Balancín sein Gewissen auf dem Gipfel des Erfolges, bevor er vor Schmerzen nicht mehr auftreten kann und nach einem Bandscheibenvorfall zur Pause gezwungen wird. Es liegt nicht fern, an den Autor selbst zu denken, der nach einem kometenhaften Aufstieg sich 2006 erstmals zurückzog und 2009 eine Zwangspause nach der Entfernung einer Zyste an den Stimmbändern einlegen musste.

Villazón, der selbst ab und an gern als Clown auftritt, vermag in seinem Werk äußerst detailliert und alle Sinne ansprechend, eine wahre Zirkuswelt zum Leben zu erwecken. Ein Buch, das vieles ist und sein kann. Das kann man finden wie man will.

Der Autor liest am Mittwoch, 15. Oktober, um 19 Uhr in der Lokhalle. Rolando Villazón: Kunststücke. Rowohlt, 256 Seiten, 19,95 Euro.

 
„Das Risikoparadox“ von Ortwin Renn
Von Daniela Lottmann

Vor ein paar Wochen berichten zahlreiche Medien über eine Häufung von Vergiftungsfällen nach dem Verzehr von Bohnen. Während das Essen im rohen Zustand gefährlich sein kann, verliert das Gemüse seine gesundheitsschädigende Wirkung beim Kochen.
Es sind Zusammenhänge wie diese, mit denen sich Prof. Ortwin Renn auseinandersetzt.

Renn forscht im Bereich Umwelt- und Techniksoziologie und ist Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart. Mit seinem Buch „Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“ ist Renn Gast in der diesjährigen Wissenschaftsreihe des Göttinger Literaturherbstes.

Das Beispiel der gar nicht so ungefährlichen Bohnen zeigt, dass die Wahrnehmung von Bedrohung keinen konsequenten und schlüssigen Gesetzmäßigkeiten folgt. Das leuchtet vor allem ein, wenn Renn betrachtet, wovor sich die Menschen im Bereich Nahrungsmittel wirklich fürchten. Auf der Topliste der wahrgenommenen potenziellen Gefahren stehen Pestizide, Antibiotika und Dioxine. Das sich diese Stoffe in Lebensmittel befinden, macht sicherlich ein mulmiges Gefühl. All diese Stoffe kommen aber in so geringer Konzentration vor, dass eine einzelne belastet Mahlzeit nicht ausgesprochen schädlich ist. Während beispielweise eine Portion ungekochter Bohnen sofort spürbar die Gesundheit angreift.

Dass Menschen sich oft vor Gefahren fürchten, die gar keine sind, wohingegen echte Bedrohungen ausgeblendet werden, macht Renn an einer Reihe von Beispielen klar. Überflutung, Stürme, extreme Wetterlagen, davor haben die Menschen Angst. Aber nicht zu Recht. „Was für viele überraschend sein mag, ist die Tatsache, dass Hitze- und Kältewellen bei weitem die Statistik der Todesopfer durch natürliche Ereignisse in Deutschland und Europa dominieren“, schreibt Renn. Danach lassen sich 90 Prozent aller durch Naturkatastrophen umgekommenen Todesopfer auf extreme Hitze und Kälte zurückführen. Eine unterschätzte Gefahr.

Renn möchte mit seinem Buch auf solche Wahrnehmungsfehler hinweisen und klärt Kapitel für Kapitel einen Denkfehler nach dem anderen auf. Sein Sprache bleibt dabei leicht nachvollziehbar, seine Argumente bringt er schlüssig vor, Fachwörter werden reduziert eingesetzt und erklärt. Renns Buch richtet sich nicht an ein Fachpublikum, sondern gezielt an Laien.

Am Donnerstag, 16. Oktober, stellt Ortwin Renn sein Buch um 19 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14, vor. Ortwin Renn: Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, Fischer, 608 Seiten, EUR 14,99.

 
Simon Urbans „Plan D“
Von Peter Krüger-Lenz

Darf man Simon Urban mit Frank Schätzing vergleichen? Vielleicht ist es nicht ganz fair, Parallelen zu ziehen. Aber es liegt so schön nahe. Wie der Bestseller-Autor Schätzing früher, so arbeitet Urban heute für eine Werbeagentur. Beide schreiben Thriller, beide strotzen vor Fabulierlust, beide stellen ihre aktuellen Bücher beim Literaturherbst Göttingen vor. Urbans Werk heißt „Plan D“.

Urbans Kunstgriff ist verblüffend einfach und erstaunlich griffig: Er siedelt seinen Kriminalfall in einer DDR an, die heute noch existiert. Die Maueröffnung hat sie eher mäßig verkraftet, weil die Menschen in Scharen ins Ausland zogen. Dann kam die sogenannte Wiederbelebung: Mauer wieder dicht. Doch jetzt steht die Deutsche Demokratische Republik, seit 22 Jahren von Egon Krenz regiert, kurz vor der Pleite.

Ein Energieabkommen mit dem bösen Bruder im Westen, angeführt von Bundeskanzler Oskar Lafontaine, soll die Staatsfinanzen sanieren. Doch dann geschieht ein Mord. Ein Ex-Berater von Krenz wird erhängt an einer Gaspipeline gefunden. Alles deutet auf die Stasi als verantwortlich für das Verbrechen hin. Polizeihauptmann Martin Wegener von der Volkspolizei und sein Westberliner Kollege Richard Brendel sollen gemeinsam ermitteln. Das hat es vorher noch nicht gegeben.

Urban erzählt sehr wortreich und blättert einen  vielschichtigen Fall auf. Wendung folgt auf Wendung, kein Wunder, wenn so viele Geheimdienste ihre Finger im Spiel haben.  Seine Protagonisten, den desillusionierten und wahrheitsfanatischen Wegener und den attraktiven und durchtrainierten Brendel, beide schon unterwegs in Richtung Ruhestand, schildert er sehr plastisch. Und wenn Urban sich nicht immer wieder in seine detailreichen Beschreibungen verlieben würde, hätte das Buch einige Seiten weniger und die Geschichte ein bisschen mehr Fluss. Aber spannend ist das Thriller auch so.

Urban liest am Freitag, 10. Oktober, um 19 Uhr beim Literaturherbst im Grenzlandmuseum in Teistungen aus „Plan D“. Simon Urban: Plan D, Schöffling, 552 Seiten, 24,95 Euro.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Beinahe magisch
Ein Favorit räumt ab: der bereits mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Lutz Seiler.

In den vergangenen Tagen kamen dann doch die Zweifel: Ist der Wirbel um Lutz Seilers ersten Roman „Kruso“ zu groß? Könnte sich die Jury des Deutschen Buchpreises doch dagegen entscheiden? Das Werk galt seit Wochen als Favorit für die Auszeichnung – der aber auch schon mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet wurde?

mehr
Die Milchbar im Nörgelbuff