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23. Göttinger Literaturherbst befindet sich auf Zielgerade

Erfolg zeichnet sich ab 23. Göttinger Literaturherbst befindet sich auf Zielgerade

Das Bergfest ist geschafft, der 23. Göttinger Literaturherbst befindet sich auf der Zielgerade. Häufig war Festivalchef Johannes-Peter Herberhold bei den Lesungen anzutreffen, vergnügt, aber auch ein wenig geschafft.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Es ist sein erster Literaturherbst in eigener Verantwortung, es wird wohl nicht sein letzter gewesen sein. Der Erfolg des vergrößerten Lesefestivals, das am Sonntag, 19. Oktober endet, zeichnet sich schon jetzt deutlich ab.

Jürgen Trittin präsentiert sein Buch „Stillstand made in Germany: Ein anderes Land ist möglich!“
Von Daniela Lottmann

Uns geht es doch gut. Dieser Satz mag im Kopf manches Deutschen stecken. Stimmt ja auch irgendwie. Die Arbeitslosigkeit im Land ist niedrig, das Geld auf dem Konto sicher und die Wirtschaft stark. Trotz Krise. Aber genau da liegt für andere der Knackpunkt.

„Mit dem Wissen darüber, wie schlecht es Menschen in anderen Ländern geht, steigt bei uns die Zustimmung zur Politik von Merkel“, sagt Jürgen Trittin. Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen liest beim Göttinger Literaturherbst aus seinem Buch „Stillstand made in Germany: Ein anderes Land ist möglich!“.

Die Lesung in der Aula am Waldweg ist gut besucht. Der Abend wird moderiert von Andreas Busch, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie an der Universität Göttingen.

J. Trittin

J. Trittin

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Am Anfang des Buches stand die Frage, warum die Zustimmung zur Unionspolitik so groß sei, erzählt Trittin. Dabei sei die Mehrheit der Bürger für einen Mindestlohn, für mehr Kontrolle der Banken oder mehr Investitionen im Bereich Infrastruktur und Bildung. Allesamt Ideen, für die CDU/CSU nicht einstehe.

Trotzdem wird sie gewählt. „Ein Paradoxon“, kommentiert Trittin. Aus der Vergleichsposition ergebe diese Wahl aber einen Sinn. Mit Blic auf die von der Europakrise gebeutelten Staaten Griechenland oder Spanien lässt es sich leicht sagen: Uns geht es doch gut.

Aber in Deutschland herrscht Stillstand, so die These des Autors. Als Beispiele führt er die wachsende Ungleichheit in der Vermögensverteilung, die deutsche Abwehr strengerer Umweltziele in der EU oder geringe Investitionen an. Demnach gehören Schulen, in denen es reinregnet, oder einsturzgefährdete Autobahnbrücken heute zur deutschen Realität. „Sparpolitik spart nicht. Und das ist die Kritik, die ich an Frau Merkel habe“, sagt Trittin und weist auch einen Weg aus der Misere: „Man kommt aus dieser Krise nur raus, wenn mehr Geld in die Investition fließt.“

Busch wirft ein, dass die Koalition jetzt seit zehn Monaten im Amt sei und seitdem zum Beispiel die Mütterrente oder den Mindestlohn beschlossen habe: „Ist es legitim, da von Blockade zu sprechen?“ Trittin entgegnet, dass zu wenig passiere und die Regierung immer noch keine verbindlichen Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien festgesetzt habe: „Das ist das, was ich mit Blockade meine. Das heißt nicht, dass in Deutschland gar nichts mehr passiert.“

Trittin zeigt mehrere konkrete Schritte auf, um dem Stillstand in Deutschland beizukommen. Ein energischeres Einsetzen für ökologische Ideen oder das Festlegen auf eine Schuldenbremse für Banken gehören dazu.

Gerade diese Vorschläge könnten beim Publikum zu einem Umdenken geführt haben. Uns geht es doch gut? Vielleicht. Vielleicht könnte es uns aber auch besser gehen.

Jürgen Trittin: „Stillstand made in Germany: Ein anderes Land ist möglich!“. Gütersloher Verlagshaus, 255 Seiten, 19,99 Euro.
 
Psychotherapeutin Eva Jaeggi beschäftigt sich mit Identität und der Frage nach ihrer Entstehung
Von Angela Brünjes

Schade, dass Zuschauer der hinteren Reihen in der ausverkauften Paulinerkirche die Referentin kaum sehen können. Aber Eva Jaeggi ist gut zu hören. Die Psychotherapeutin ist bekannt geworden mit einer ganzen Reihe von Büchern, die psychologische und psychotherapeutische Sachverhalte verständlich und unterhaltsam näher bringen. Ihr neues Buch „Wer bin ich? Frag doch die anderen!“ beschäftigt sich mit Identität und ihrer Entstehung.

Die einen haben Identitätsprobleme, die anderen Identitätskrisen, die nächsten stellen bei sich einen Identitätsumbruch fest. Die modernen Menschen, so die 80-jährige Jaeggi, „müssen sich immer neu definieren, und werden auch von anderen immer neu definiert.“

E. Jaeggi

E. Jaeggi

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Im Laufe unseres Lebens haben wir, meist gleichzeitig, verschiedene, möglichst positiv besetzte, Rollen: erfolgreich im Beruf, treusorgend in der Familie, engagiert im Ehrenamt sind beispielsweise typisch fürs mittlere Alter. „Und diese verschiedenen Rollen haben oft sehr wenig miteinander zu tun – das macht das Moderne aus“, erklärt Jaeggi den Wandel der Zeit.

Zum einen sind die Definitionen, was ein guter Vater, eine gute Mutter, ein guter Ehemann, eine gute Ehefrau ist, nicht mehr so eindeutig. Sie können sich schnell wandeln, je nach gesellschaftlicher Gruppenzugehörigkeit oder lokal zu verortenden Trends der Lebensführung: Kreuzberg oder Katlenburg, Kopenhagen oder Kabul.

Und ergibt sich die Identität nicht aus den Erwartungen der anderen, dann macht die heutige freie Gestaltung der Lebensform es möglich, Rollen frei zu wählen und damit die Identität zu bestimmen. Als Therapeutin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, sieht Jaeggi die „Identität als einen Chor von inneren Stimmen“ und als einen nie endenden Prozess.

Aber bei vielen Patienten stelle sich bis ins hohe Alter die Frage, gibt es nicht doch einen Kern, ein authentisches Ich? „Das muss immer wieder neu beantwortet werden“, meint ­Jaeggi, ohne ihren Buchtitel passenderweise zu zitieren: Frag doch die anderen!

Eva Jaeggi: „Wer bin ich? Frag doch die anderen!“. Verlag Huber, 212 Seiten, 19,95 Euro.
 
Marcel Fratzscher und die Frage, „Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“
Von Daniela Lottmann

Es nennt sich Exportweltmeister, hat einen soliden Staatshaushalt und konnte die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren halbieren. Was ist das für ein Land? Gefragt hat Marcel Fratzscher und damit seinen Vortrag begonnen. Die Antwort kennt jeder im Saal: Deutschland. „Es ist richtig, das wir darauf stolz sind“, sagt Fratzscher.

Aber er fragt noch nach einem anderen Land. Nach einem, in dem ein enormer Wertverlust der Infrastruktur grassiert, und das nur ein relativ geringes Vermögen besitzt. „Vielleicht ist es Italien oder Spanien, die tief in der Krise stecken? Nein, es ist auch Deutschland.“

Fratzscher ist Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

M. Fratzscher

M. Fratzscher

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Über seine Erkenntnisse zum Zustand der Wirtschaft hat er das Buch „Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“ geschrieben, und stellt es in der Reihe „Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst“ in der Paulinerkirche vor. Nach seinem Vortrag führt Renate Ohr, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Göttingen, ein Gespräch mit dem Autor.

Mit diesem Buch wolle er auf die Kluft zwischen Realität und Wahrnehmung hinweisen und einiges zurecht rücken. So herrsche in vielen Köpfen das Bild von Deutschland als wohlhabendes Land, mit wenig Arbeitslosigkeit und einer starken Wirtschaft. Doch wenn überhaupt, ist das nur die halbe Wahrheit.

So weist Fratzscher auf die Kehrseite des Beschäftigungswunders hin. Es stimme zwar, das Deutschland nur eine geringe Arbeitslosenquote habe. Die Zahl derjenigen, die von ihrer Arbeit nicht leben können und ihr Einkommen aufstocken müssen, sei aber nicht unerheblich. Ebenso die Zahl derjenigen, die in Teilzeit arbeiten. „Wir haben zwar ein Beschäftigungswunder, aber gleichzeitig ein Unterbeschäftigungsproblem“, findet Fratzscher.

Fratzscher nennt weitere Schwächen, die das Land gefährden. Geringes Wachstum, geringe Geburtenrate, ungleiche Vermögensverteilung oder die Tatsache, dass vielen Arbeitnehmern nicht viel Spielraum zum Sparen bleibt, sind einige der Probleme.

Fratzscher hält seinen Vortag frei. Er verzichtet auf exotische Fachbegriffe, was seine Rede ebenso wie sein Buch auch für den Laien leicht verständlich macht. Ein lehrreicher Abend.

Marcel Fratzscher: „Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“.  Carl Hanser, 278 Seiten, 19,90 Euro.

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Literaturherbst
Ein echter Kölner: der Bestseller-Autor Frank Schätzing.

Knallig müssen sie sein, die Geschichten, die Frank Schätzing schreibt. Und lang, damit richtig dicke Bücher daraus werden. „Sie glauben doch nicht, dass ich ein Buch bei Seite 380 enden lasse“, sagte der Autor des Bestsellers „Der Schwarm“ am Montagabend, 13. Oktober, in der längst nicht ausverkauften Lokhalle.

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