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23. Göttinger Literaturherbst kurz vor der Halbzeit

Bergfest 23. Göttinger Literaturherbst kurz vor der Halbzeit

Der 23. Göttinger Literaturherbst bewegt sich schnurstracks auf das Bergfest zur Halbzeit zu. Mit einer Feier ist das Festival eröffnet worden – bei der 23. Auflage eigentlich zum ersten Mal seiner Bedeutung angemessen.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Mehr als 50 Veranstaltungen auf 20 Bühnen in Göttingen und der Region sollen bis zum Schluss am Sonntag, 19. Oktober, störungsfrei abgelaufen sein, eine Mammutaufgabe für Festivalchef Johannes-Peter Herberhold. Er zeichnet zum ersten Mal für das Spektakel verantwortlich. Als Technikchef wirkte er lange Jahre an der Seite von Literaturherbst-Gründer Christoph Reisner, der im März gestorben ist.

Eine der ersten Änderungen Herberholds zeigt große Wirkung. Er weitet das Feld der Kooperationen enorm aus. Die vielleicht wichtigste: Herberhold arbeitet mit dem Literarischen Zentrum Göttingen zusammen, was Reisner immer ablehnte. Dem literarischen Programm allerdings kommt gerade diese Kooperation zugute – in Quantität und Qualität.

Roger Willemsen musste leiden – und will es ans Publikum im Deutschen Theater weitergeben
Von Daniela Lottmann

Bevor die Lesung beginnt, heißt es, Schlange stehen. Der Andrang ist groß, die Reihe reicht vom Eingang des Deutschen Theaters bis zur Theaterstraße. Dann der Einlass. Die Zuschauer nehmen im Theatersaal Platz. Wieder warten. Ganz schön lange. Gesa Husemann vom Planungsstab des 23. Göttinger Literaturherbstes betritt die Bühne.

Es dauere noch etwas: „Die Bahn. Sie kennen das.“ Eigentlich sind diese Ereignisse schon zum Schmunzeln. Schlange stehen und eine unpünktliche Bahn, das fühlt sich nach Deutschland an. Und um Deutschland geht es auch in der Lesung. Genauer, um den deutschen Bundestag.

R. Willemsen

R. Willemsen

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Zusammen mit Schauspielerin Annette Schiedeck und dem Hörfunk-Moderator Jens-Uwe Krause liest Roger Willemsen aus seinem Buch „Das Hohe Haus“. „Künstler sagen gerne, sie haben gelitten. Dieses Leiden würde ich gerne an Sie weitergeben“, begrüßt Willemsen die Besucher. Dieses Leiden, das Willemsen beschreibt, ist sein Entschluss, ein Jahr lang von der Besuchertribüne des Berliner Reichstages allen Debatten des Deutschen Bundestages zuzuhören.

Zutage kommt allerlei Abstruses und vieles, worüber sich nur den Kopf schütteln lässt. Aber auch viel Komisches. Zum Beispiel wenn Willemsen die Glaubwürdigkeit der Verbraucherschutzministerin auf eine simple Formel zusammenkürzt: „Es ist insgesamt gut, wenn die Ministerin wurstaffin aussieht.“ Das Publikum lacht heftig, Willemsen muss kurz unterbrechen.

Willemsen und seine zwei Mitleser, die hauptsächlich die Zitate von Politiker vortragen und schon mal ein pöbelhaftes „Blödmann!“ einwerfen, kommen beim Publikum sehr gut an. Das liegt auch daran, dass der Autor in seinem Buch den Sachverhalt an sich sprechen, und die ihm innewohnende Komik nur mit spitzen Kommentaren und Vergleichen zeigt.

Das Buch ist keine überdrehte Satire, keine plumpe Jagd nach der nächsten Pointe. Viel mehr erzählt es von kleinen Beobachtungen und nicht übersehenen Verfehlungen. Etwa von der phrasenhaften Kommunikationsstrategie der Kanzlerin: „Man ahnt, wenn die Hose der Kanzlerin Feuer fangen würde, würde sie die Flammen entschieden zurückweisen“, witzelt Willemsen.

Besonders gelungen ist aber der Mix von Komik und erschreckender Ernsthaftigkeit. So ist „Das Hohe Haus“ kein bloßes Humorwerk, sondern lässt auch Platz für Bedenken. Wenn Politiker etwa nicht den Anstieg an Armut, sondern einen Anstieg an Armutszuschreibung proklamieren. Oder sich gefühlskalt gegenüber Hilfsbedürftigen verhalten. „Syrische Flüchtlinge nicht im Stich lassen?“, fragt Schiedeck. „Abgelehnt“, antwortet Willemsen.

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament, S. Fischer Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro.
 
Kolumnist Axel Hacke über Fußballernamen zum Feiern und Speisekarten im Ausland
Von Marie Varela

Er habe genug dabei, um den Beginn der folgenden Veranstaltungen zu verzögern, stapelt Axel Hacke gleich zu Beginn tief, als wäre er nur der Pausenclown.

Dabei sitzt er ohne Tisch mit einem nicht kleinen Stapel seiner Bücher neben sich auf der Bühne des Deutschen Theaters (DT). Und während der Rezensent schreibt, überlegt er nach einer Hacke-Lesung wie der beim Literaturherbst, was Hacke wohl alles zum Begriff „tiefstapeln“ zu sagen hätte.

Oder wie seine Hitparade der absurdesten Einstiege in Kulturkritiken wohl lauten würde. Denn Hackes Leidenschaft ist das Sammeln von Wörtern und allerhand sprachlicher Kuriositäten, die er dann in Hitlisten wie jener der besten Verhörer bei Liedtexten fasst. Oder  passenderweise beim Thema Fußball in thematische Elfergruppen.

A. Hacke

A. Hacke

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Zum Thema „Lasst uns feiern“ fallen ihm dann elf Kickernamen ein. Bierhoff beispielsweise oder Breitner, Lala und Lell. Keine Sportart sei so stark mit den Namen der Spieler verknüpft, sagt Hacke, der in Göttingen Teile seines Studiums absolvierte und nun in München lebt. Der Klang der Namen sei die Poesie des Fußballs, obwohl er den Namen Dante für einen Fußballer doch für übertrieben halte.

Seiner Leidenschaft für  Fußball hat er sich mit seinem jüngsten Werk „Fußballgefühle“ vollends hingegeben. Wunderbarerweise kann der ehemalige Sportreporter dem Thema aber auch mehr als nur das Sportliche abgewinnen.

Er kann sich beispielsweise dafür begeistern, dass Rudi Völler einst einen Käse hören konnte, wie er bei seinem berühmten TV-Ausraster 2003 als Nationaltrainer bestätigte, wo er gegenüber Waldemar Hartmann rief: „Ich kann diesen Käse nicht mehr hören!“

Dinge wörtlich zu nehmen und sie weiterzuspinnen, ist ein bewährtes Prinzip des Autors, der vor allem als Kolumnist bekannt wurde. Er suhlt sich in Formulierungen, die manchem gar nicht auffallen, und erschafft so eine Tiefendimension.  Ihm verdanken wir putzige Figuren wie die des „Erdbeerschorschs“ (Erzbischof) oder  den „Kurt der Engel“ (Chor der Engel aus „Stille Nacht“). 

Dank ihm und „Oberst Huhn bittet zu Tisch“ lesen wir nun im In- und vor allem Ausland Speisekarten intensiver und sehen bei Übersetzungen wie „Ich, eine Verwirrung des Dorsches“ in unseren Bestellungen nicht mehr nur Nahrung, sondern manchmal auch Lebenskrise. Und so wie sich Hackes Oberst von Huhn drastisch in einer Weincreme ausbreitet – so die Übersetzung einer Kreation mit Hähnchenbrust und Champignons in einem irischen Hotel – breitet sich auch Heiterkeit im Saal aus. Herr Hacke lächelt dazu.

Axel Hacke: Fußballgefühle, Antje-Kunstmann-Verlag, 176 Seiten, 16 Euro.
 
„Aller Liebe Anfang“: Judith Hermann und ihr erster Roman
Von Christiane Böhm

Bislang war Judith Hermann für ihre Erzählungen bekannt, sehr bekannt. Gern wird sie als ein Star der Szene bezeichnet. Fragen danach, wann denn endlich ein Roman folgt, nervten sie eher. Hermann schätzt die kurze Form, „Erzählungen, mit ihrem offenen Ende, mit all ihren Leerstellen“ faszinieren sie, auch als Leserin.

Und doch hat die Schriftstellerin in diesem Sommer ihren ersten Roman vorgelegt. Beim Literaturherbst stellte sie im vollbesetzten Deutschen Theater (DT) „Aller Liebe Anfang“ vor.

„Der Text entscheidet“ erklärt sie im Gespräch mit Ulrike Sárkány, Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion. Sie habe tatsächlich wieder eine Erzählung schreiben wollen. Aber es wollte nicht gelingen. „Irgendwann habe ich begriffen, dass ich mehr Raum lassen muss, Zeit geben“, erklärt die 44-jährige Berlinerin. Nach Seite 53 sei ihr klar gewesen: Das wird die lange Form.

J. Hermann

J. Hermann

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Hermann erzählt in ihrem Buch die Geschichte von Stella. Die lebt mit Mann und vierjähriger Tochter in einer Vorortsiedlung, ist Krankenpflegerin und eigentlich zufrieden mit ihrem Leben. Allerdings treibt sie auch eine unerfüllte Sehnsucht. Ein  merkwürdiger Nachbar, der ihr nachstellt, Kontakt zu ihr will, auch nachts vor dem Haus steht, bringt ihr heile Welt ins Wanken. Detailliert beschreibt die Autorin Stellas Innenwelt.

Hermann gehört zu denen, die ihre Texte lesen können. Ihre ruhige, weiche Stimme passt. Sie versteht sich auf Betonung und Tempowechsel. Das Gespräch mit Sákárny hakt allerdings zunächst. „Es wäre leichter, wenn sie mir wirklich Fragen stellen“, sagt Hermann einmal. Und doch gibt sie dann erstaunlich offen Einblick in ihre Arbeits- und Denkprozesse.

Namen etwa spielen bei ihr eine große Rolle. Passe der Name nicht zur Figur, könne sie diese nicht weiterführen. „Drei Versuche habe ich“, erklärt die Autorin. Sie berichtet vom Ringen um Worte, die nicht mehr so leicht fließen wollen, seit sie nicht mehr raucht.

Stellas Leben, ihre Liebe ist unvollständig, es bleiben Leerstellen. Können wir mit dieser Sehnsucht, mit diesen Lücken weiterleben oder müssen sie gefüllt werden, fragt Hermann. Ja, sie schreibe natürlich über sich, sagt sie zum Ende hin. Darf man über sich selber schreiben? Wilhelm Genazino werde das komischerweise nie gefragt.

Sie habe früher der Gedanke gequält, so lange du über dich selbst schreibst, bist du keine richtige Schriftstellerin. „Du musst dir dringend etwas ausdenken“.  Natürlich schreibe sie nicht exakt über sich, eher seien es Entwürfe. Dinge, wie sie hätten sein können.

Es sei eine Freude gewesen, mit ihr zu reden, sagt Sákárny am Schluss. Es ist eine Freude Hermann zuzuhören. Das Publikum applaudiert ausdauernd und warmherzig.

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang. S.Fischer, 224 Seiten, 19,99 Euro.
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In den Ring steigen
Zurückhaltend: Lutz Seiler.

„Ich habe die sechs verrücktesten Tage in meinem Schriftstellerleben hinter mir!“ Lutz Seiler, Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises, ist ein bisschen müde als er beim Literaturherbst im ausverkauften Alten Rathaus auf der Bühne sitzt.

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