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Ein letzter Tanz in Würde

30. Figurentheatertage: Tranter mit „Mathilde“ im Theater der Nacht in Northeim Ein letzter Tanz in Würde

Er gilt als Erneuerer des klassischen Handpuppenspiels und ist einer der Stars des internationalen Puppentheaters: Neville Tranter ist am Donnerstag mit seinem Stuffed Puppets Theatre im Rahmen der 30. Göttinger Figurentheatertage im Theater der Nacht in Northeim aufgetreten. Die Nachfrage war groß, die Karten schnell ausverkauft. So gab es gleich zwei Aufführungen der Inszenierung „Mathilde“ in englischer Sprache zu erleben.

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Neville Tranter rührt mit seinen Figuren zu Tränen.

Quelle: EF

Northeim. Mathilde ist 102 Jahre alt und macht eisern ihre Turnübungen. Im Altersheim „Casa Verde“ wird ihr zu Ehren eine Feier organisiert, aber die zähe und zerzauste Dame hat anderes im Sinn. Sie wartet auf ein Zeichen von Jean-Michel, ihrem Liebsten aus längst vergangenen Tagen.

Die Musik klimpert weichgespült, und nach außen wird der Schein poliert. Aber das „Casa Verde“ ist alles andere als ein Ort der Glückseligkeit. Der Direktor ist geldgierig, zynisch und wahrlich kein Menschenfreund. Die Bewohner des Hauses sind bedauernswerte Greise.

Tranter ist ein Meister des Schwarzen Humors, und der seit den 1970er Jahren in den Niederlanden lebende Australier ist vor allem auch ein sehr genauer Beobachter. Sein Blick auf Missstände ist scharf, und die Charaktere seiner Klappmaulpuppenriege sind in ihren Eigenarten auf den Punkt gezeichnet. Alt, krank und einsam, schwach, hilflos und ausgeliefert, zerbrechlich, dement und infantil. Dem Tode näher als dem Leben. Ein feines Zittern, Bewegungen im Zeitlupentempo und eine brüchig-krächzende Stimme sagen mehr als 1000 Worte und große Aktionen. Hier werden Menschen ihrer Würde beraubt und zu Heiminsassen degradiert, mit denen sich Profit machen lässt.

„I’m still alive“, „ich lebe noch“, sagt Mathilde und schwelgt in ihren Erinnerungen. Aber die Uhr tickt, und Tranter wird unvermittelt vom Figurenspieler zum Mitspieler. Die alte Dame sieht ihn plötzlich und erweckt ihn förmlich zum Leben. Tranter wird Teil des Geschehens und zum Tod an Mathildes Seite. Ganz sanft umarmen sich beide zu einem letzten Tanz. Und der Tod gibt der Dame ihre Würde zurück.

Tranters minimalistisches Spiel ist virtuos und zutiefst berührend. Im Zuschauerraum glitzern viele Augen feucht. Seine Geschöpfe rühren zu Tränen. Und man kann es kaum schöner und treffender als Ruth Brockhausen, Intendantin des Theaters der Nacht, sagen: „Das Besondere an Tranter ist die Präzision des Spiels, die sehr besondere Mischung an Komik und Tiefe. Er greift gesellschaftlich sehr brisante und relevante Themen auf und bringt sie auf ungeheuer treffende Weise auf die Bühne. Seine Figuren lässt er auf atemberaubende Weise lebendig werden.“

Von Karola Hoffmann

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