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350 Jahre Bühnenerfahrung rocken die Musa

Chris Farlowe und die Hamburg Blues Band 350 Jahre Bühnenerfahrung rocken die Musa

Es ist Freitagabend, und der Parkplatz vor der Musa im Hagenweg ist zum Bersten voll – untrügliches Zeichen, dass etwas Besonderes an diesem Abend ansteht. Und so ist es dann auch tatsächlich: Ohne es bemerkt zu haben, hat man beim Betreten der Musa die Koordinaten des eigenen Raum-Zeit-Kontinuums verlassen und befindet sich schlagartig in der Gesellschaft der Göttinger Partygänger der siebziger Jahre – oder anders ausgedrückt, man hat endlich auch als 45-Jähriger in der Musa wieder einmal das Gefühl, zu den Jüngsten der Anwesenden zu gehören.

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Zeitreise: Chris Farlowe und die Hamburg Blues Band sind in die Jahre gekommen und lassen es trotzdem krachen.

Quelle: Vetter

Alle, die vor gut 40 Jahren die Göttinger Musikszene belebten oder auch nur passiv erlebten, sind auf einmal wieder da – die Haare etwas grauer und spärlicher, die Kleidung einen Hauch bürgerlicher (daher gab es natürlich am Eingang auch eine Garderobe), die Bewegungen nicht mehr ganz so geschmeidig, aber doch alle mit dem unverkennbaren Willen: Heute lassen wir es wieder rocken wie damals!

Der Grund für diese Wallfahrt ist schnell gefunden. Die Hamburg Blues Band hat sich angekündigt, verstärkt durch den Sänger Chris Farlowe. Sie versprechen „intensiven ... umwerfenden Roots-Blues im Sound der 60er und 70er Jahre“.

Für die Jüngeren, denen der Name Chris Farlowe möglicherweise nicht so geläufig ist, hier eine Kurzbiographie: Geboren als John Henry Deighton im Oktober 1940 in London, bereichert er seit 1960 mit wechselnden Bands und meist eher mittelmäßigem Erfolg die Rock- und Bluesszene wobei einer seiner größten Erfolge ein Cover des Rolling Stones Titels „Out of Time“ darstellte.

Aber zurück zur aktuellen Parallelgalaxie. Vor der Bühne der komplett ausverkauften Musa warten hochgerechnete 20 000 Lebensjahre auf den Beginn des Konzerts, und fast pünktlich um 21 Uhr geht es dann auch los. Die Band betritt die Bühne, sorgt aber mit ihrer Ansage, dass Mr. Farlowe erst im zweiten der beiden Sets auftreten wird, für einen ersten kleinen Dämpfer. Aber egal, das Publikum ist gewillt zu feiern, und da lässt man sich so schnell nicht von abbringen.Die Musik setzt ein, die Masse beginnt mit den Füßen zu wippen – und dabei bleibt es dann auch erst einmal. So richtig in Fahrt kommt das Ganze nicht. Routiniert, aber auch etwas bleiern, spielen sich die Hamburger durch ihr erstes Set und lassen ein leicht ratloses Publikum in die Pause – irgendwie war das damals anders, aber egal, nicht maulen und außerdem kommt ja noch Farlowe.

Nach einer ausgedehnten Pause im Raucherzelt geht es weiter. Und wer auf Party gehofft hat, wird nicht enttäuscht. Zielsicher treibt der ergraute Engländer, der nur aus einem enormen Brustkorb mit angeflanschtem Kugelbauch zu bestehen scheint, die Band an, und das Publikum geht bereitwillig mit. Die Musik bekommt mehr Zug, es rockt, und einzelne Soli der Künstler werden vom Publikum frenetisch gefeiert. Als die Masse dann beim Klassiker „All or nothing“ von den Small Faces auch noch mitsingen kann, ist es endgültig ein gelungener Abend. Nach einer Nettospielzeit von immerhin gut zwei kurzweiligen Stunden inklusive zweier Zugaben (natürlich mit „Out of Time“), ist das Konzert um punkt Mitternacht vorbei. Die Band bedankt sich bei ihren Zuhörern, eine herabscheppernde Jalousie kündet vom Ende des Getränkeverkaufs, und während vor 30 Jahren die Party jetzt losging, lenken die meistens der Besucher ihre Schritte nun in Richtung des heimischen Sofas. Der Parkplatz lehrt sich zügig, Chris fliegt zurück nach London, und das Raum-Zeit-Kontinuum verschiebt sich mangels angeregter Masse wieder in Richtung 2011. Und, war das jetzt wirklich 1970? Irgendwie hatte man das anders in Erinnerung – aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

Von Jan Vetter

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