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"Abenteuer" mit Till Brönner in der Göttinger Stadthalle Michelsen und Groth machen Göttingen glücklich

Abschluss der Theatertage Michelsen und Groth machen Göttingen glücklich

Bei den Göttinger Theatertage haben die Schauspieler Claudia Michelsen und Sylvester Groth am Sonntag im ausverkauften Deutschen Theater mit einer szenischen Lesung gastiert: Sie erzählten die 18 Perspektiven des Episodenromans „Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza.

Eingespieltes Team: Claudia Michelsen und Sylvester Groth.

Quelle: Heller

Göttingen. Die Erzählerriege des Romans gehört dem Bildungsbürgertum an und und alle Figuren stehen in einer Verbindung untereinander, zueinander, gegeneinander. In wunderbar humorvollen Dialogen erhalten die Zuschauer reflektierte Einblicke in eine arrivierte Gesellschaft in der zwischenmenschliche Kommunikation ein ums andere Mal auf Eskalation zusteuert.

Der falsche Käse beim Einkauf im Supermarkt, eine brennende Nachttischlampe oder eine falsch ausgespielte Karte im Kartenturnier: Alltägliche Nichtigkeiten bringen die kultivierte Fassade gehörig ins Wanken. Ständig herrscht Spannung – mal unterschwellig, mal offen und beleidigend hinausgebrüllt.

Aus dem Stand heraus lassen Michelsen und Groth gleich in der ersten Szene beim ehelichen Wochenendeinkauf im Supermarkt die Spannung nahezu spürbar werden. Ihre Stimmen liefern das Spiel förmlich mit. Sie raunt wohl erzogen zickig. Ihm ist anzuhören und anzusehen, wie ihm allmählich innerlich der Kamm schwillt und wie viel an emotionalem Zündstoff in einem Wort wie „Käääsäschlange“ mitschwingen kann.

Ihren Figuren angemessen gibt Michelsen mit klar akzentuierter Stimme die gebremste Variante gutbürgerlicher Aufgewühltheit. Immer schön die Contenance wahren. Sie säuselt, raunt, wispert, zickt, ist vorwurfsvoll. Auch im Flüsterton kann man miteinander streiten. Auch wohl kontrolliert kann man innerlich angeschlagen auf der Gefühlsklaviatur spielen.

Den dankbareren Part im Figuren-Repertoire und die größere emotionale Bandbreite kann Groth ausreizen, der auch einiges an Erfahrungen als Hörbuchsprecher mitbringt. Er greint, ist ironisch, regt sich auf, trommelt mit den Fingern auf dem Tisch, fuchtelt mit den Händen, brüllt, dass einem Angst und Bange wird, nur um im nächsten Moment ganz zärtlich zu werden. Und sein vielsagendes Grinsen lässt den Erzkomödianten durchblitzen.

Die beiden Grimme-Preisträger, Ernst-Busch-Absolventen und „Polizeiruf 110“-Ex-Kollegen zeigen, wie man gekonnt Spannung aufbaut und der ganzen Dynamik freien Lauf lässt. Sie nehmen ihr Publikum mit, machen es neugierig, wann es das nächste Mal knallt und welche Katastrophen des Alltags wohl noch lauern mögen. Und sie befeuern die Neugierde noch mehr, wenn sie allmählich die Verbindungen durchschauen lassen, wer mit wem wie verwandt, bekannt oder befreundet ist. Nicht zuletzt machen sie die Zuschauer auch ein bisschen zum Voyeur, wenn sie das Innenleben einiger Figuren preisgeben oder man unerwartet Privates über andere Figuren erfährt.
Ein toller Roman. Und zwei tolle Schauspieler, die es verstehen, mit ihren Stimmen und ihrer Schauspielkunst zu fesseln.

Von Karola Hoffmann

Die Milchbar im Nörgelbuff