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Affen übernehmen die Macht

Kino-Tipps Affen übernehmen die Macht

Im letzten Teil der „Planet der Affen“-Trilogie lösen die Affen die Menschen endgültig als Krone der Schöpfung ab. Außerdem starten in dieser Woche „Die göttliche Ordnung“ und „Emoji – Der Film“ in den Göttinger Kinos.

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Quelle: dpa

Gefühlschaos im Smartphone

„Emoji“

Von Matthias Halbig

Schüler Alex ist verliebt. Doch gerät nicht nur sein Gefühlshaushalt in Aufruhr, sondern auch die Welt in seinem Handy. Grund dafür ist die Fehlfunktion eines Nachwuchs-Emojis, das seine Gefühle mimisch nicht zügeln kann. Animationsfilme eignen sich dazu, verborgene Welten sichtbar zu machen. Das Paradebeispiel „Alles steht Kopf“ beschäftigte sich mit den Vorgängen im Gehirn einer Elfjährigen. Warum also nicht in ein Handy schauen? An das Meisterwerk reicht „Emoji“ jedoch längst nicht heran. Die Botschaft verpufft: Man könne seine Gefühle ja auch direkt kommunizieren. bra

„Emoji – Der Film“, Regie: Tony Leondis, 91 Minuten, FSK 0, Cinemaxx, neue Schauburg

Mensch, Schimpanse!

„Planet der Affen: Survival“

Von Stefan Stosch

Ist Rache ein rein menschliches Konzept? Können Schimpansen weinen? Und ist es eine Beleidigung für einen Gorilla, Esel genannt zu werden? Fragen über Fragen – was ja schon mal ungewöhnlich für einen Hollywood-Blockbuster ist und gewiss für diesen spricht, weil er sich eben nicht so einfach ausbuchstabieren lässt. Die „Planet der Affen“-Trilogie handelt davon, wie Affen human werden und wie die Menschen ihre niedersten Instinkte rauslassen – von tierischen möchte man lieber nicht sprechen. In Matt Reeves’ abschließendem Film „Survival“ lösen die Affen die Menschen endgültig als Krone der Schöpfung ab. Es dürften sich all jene bestärkt fühlen, die daran zweifeln, dass es sich beim Menschen um ein Spitzenprodukt der Evolution handelt.

Aber mit der menschlichen Herrschaft ist es ja sowieso irgendwann vorbei: Wir wissen das, seit Filmastronaut Charlton Heston sich auf einem vermeintlich fernen Planeten wähnte und dann die New Yorker Freiheitsstatue im Sand entdeckte – eine ikonische Szene der Kinogeschichte in „Planet der Affen“ von 1968. Der Weltraumpionier war justament auf der Erde gestrandet, wo in seiner Abwesenheit Affen die Macht übernommen hatten. Was in Franklin J. Schaffners Verfilmung von Pierre Boulles gleichnamigem dystopischen Roman fehlte, war die Vorgeschichte: Was war bloß so schrecklich schiefgelaufen?

In drei „Planet der Affen“-Filmen – „Prevolution“ (2011), „Revolution“ (2014) und nun eben „Survival“ – liefert Hollywood die fehlenden Puzzleteile nach: Wie die Menschen in ihrem Allmachtswahn ein Virus gegen Alzheimer züchteten, das die Intelligenz der Affen wachsen ließ, sie selbst aber dahinraffte, und wie der Schimpanse Caesar zum weisen Anführer wurde. Jetzt steht ihm der ultimative Kampf bevor. Die Vorgeschichte sehen wir – anders als bei Charlton Heston – aus der Perspektive der Affen. Die Traurigkeit der Welt spiegelt sich in Caesars Pupillen. Der Krieg wird ihm durch einen wahnsinnigen Colonel (Woody Harrelson) aufgezwungen, der verwandt mit Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“ sein könnte. Vielleicht aber hat er noch mehr Ähnlichkeiten mit einem sadistischen KZ-Kommandanten.

„Wir sind keine Wilden“, sagt Schimpanse Caesar. Das könnte aus dem Mund eines mit einem Speer bewaffneten Waldbewohners auf einem Pferd seltsam anmuten. Aber wir glauben Caesar. Wir haben uns schließlich schon zwei Filme zuvor auf seine Seite geschlagen und wünschen den Menschen, also unserer Spezies, die Niederlage herbei. Ein bisschen Schizophrenie gehört dazu. Hier wird uns Menschen ein Spiegel vorgehalten – und wir entdecken darin eine Spezies, die zu Frieden unfähig ist. „Survival“ ist zu großen Teilen eine Passionsgeschichte, bei der sich die Filmemacher ziemlich weit vorwagen: Wir sehen Schimpansen am Kreuz.

Dass Affen bei den Zuschauern so viel Empathie auslösen, liegt an der speziellen Verwandlungskunst von Andy Serkis alias Caesar. Hier stecken keine Menschen in schlichten Affenkostümen wie noch bei Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Serkis hat das Motion-Capture-Verfahren als Gollum in „Herr der Ringe“, als Supreme Leader Snoke in „Star Wars“, vor allem aber in der Schimpansenrolle perfektioniert. Dabei werden Schauspieler in Spezialanzüge mit Markern gesteckt und ihre Mimik und Gestik von Kameras abgetastet. Die Bewegungsabläufe lassen sich auf digitale Modelle übertragen. Lebensechtere Affen hat man im Kino nie gesehen.

„Survival“ ein schmerzvolles Roadmovie an der Seite von Caesar, der entscheiden muss, ob ihm die Rache für seine ermordete Familie wichtiger ist als das Überleben seiner Spezies. Ach ja, wer immer noch über die Eingangsfragen sinniert: siehe beistehendes Interview. Und wie es um das Verhältnis von Gorillas und Eseln steht, müssen diese unter sich ausmachen.

„Planet der Affen: Survival“, Regie: Matt Reeves, 140 Minuten, FSK 12, Cinemaxx, Schiller Lichtspiele, Central Lichtspiele Kinowelt, Filmcenter Feilenfabrik

„Menschen sind grausamer als Menschenaffen“

Herr Deschner, können Schimpansen weinen?

Zweifellos! Allerdings fließen keine Tränen. Das scheint ein menschliches Merkmal zu sein.

Und wie lassen sie sich trösten?

Das kann durch eine Umarmung oder einen Kuss geschehen und mündet oft in gegenseitiger Fellpflege. Menschenaffen sind tatsächlich erstaunlich menschenähnlich. Wir sind gerade erst dabei, ihr komplexes Verhalten zu entschlüsseln.

Sind Menschenaffen zur Rache fähig?

Es ist schwierig, Rache gefühlsunabhängig zu definieren – und zu Gefühlen kann man die Tiere schlecht befragen. In jedem Fall können wir beobachten, wie aggressives Verhalten zu einem späteren Zeitpunkt heimgezahlt wird.

Ist Grausamkeit unter Schimpansen und Gorillas so üblich wie unter Menschen?

Wenn es um geplantes Verhalten geht mit dem Ziel, einem anderen Schmerzen zuzufügen, dann sind Menschenaffen viel weniger grausam als Menschen.

Verfügen Menschenaffen über ein Gerechtigkeitsgefühl?

Schon unter Menschen ist es kompliziert, sich zu einigen, was gerecht ist. Versuche an Zoo-Affen deuten darauf hin, dass die Tiere ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden haben.

Sind diese Kino-Affen sehr vermenschlicht?

In hohem Maße! Ich betrachte das aber als akzeptables Mittel, um in Form einer Parabel auf ein bedrückendes Problem aufmerksam zu machen: Wir sind dabei, die letzten wild lebenden Menschenaffen auszurotten. Besonders die Orang-Utans auf Borneo sind vom Aussterben bedroht.

Hand aufs Herz: Hätten Sie Caesar und Co. für echte Schimpansen gehalten?

Wenn die Affen in Gruppen durch den Wald ziehen, muss man schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um animierte Individuen handelt.

Kinder, Küche und Gedöns

„Die göttliche Ordnung“

Von Martin Schwickert

Der Brexit hat die möglichen Kollateralschäden direkter demokratischer Entscheidungsprozesse vor Augen geführt: Nicht jede Volkswahl geht so aus wie erwünscht. Im plebiszitären Demokratiemodell der Schweiz sind solche Erscheinungen systembedingt – wie an der Geschichte des Frauenwahlrechts nachzuvollziehen ist. Noch 1959 war es von den ausschließlich männlichen Stimmberechtigten abgelehnt und erst durch eine Volksabstimmung 1971 eingeführt worden. Im Kanton Appenzell Innerrhoden wurde das Wahlrecht für Frauen auf kantonaler Ebene erst 1990 gegen den Willen der männlichen Stimmbürger durchgesetzt. Petra Volpe („Traumland“) reist in ihrem Film „Die göttliche Ordnung“ zurück ins Jahr 1971 und damit mitten in den Geschlechterkampf.

Während über die Fernsehbildschirme die Bilder von Woodstock, Black Power, sexueller Revolution und Frauenbewegung flimmern, ist von all den gesellschaftlichen Umwälzungen in dem beschaulichen Schweizer Dorf nichts zu spüren. Nora (Marie Neuenberger) lebt mit Hans (Max Simonischek) in klassischer ehelicher Rollenverteilung: Der Schreiner bringt das Geld nach Hause, während sich die Frau um Haus und Kinder kümmert. Als Nora sich auf einen Job in der nahe gelegenen Stadt bewerben will, verweigert Hans sein Einverständnis. Die Gesetzgebung sieht vor, dass der Ehemann seine Zustimmung geben muss – und was sollen die Nachbarn denken, wenn die Frau des frisch beförderten Schreinergesellen dazuverdienen geht? In der Stadt gerät Nora an einen Stand der Frauenwahlrechts-Aktivistinnen, kehrt mit einer Tasche voller Bücher zurück und beschließt, sich im Dorf für die Kampagne einzusetzen.

Die erste Informationsveranstaltung in der Gaststätte endet zwar im Desaster, aber immerhin tun sich einige Frauen zusammen und treten in den Streik. Sie schlagen ihr Lager auf dem Dachboden des Gasthofes auf, während die Männer sich zu Hause mit Spiegeleiern und Kindererziehung herumschlagen. Aber nicht nur mit den Männern müssen sich die Frauen anlegen: Die Schreinerei-Besitzerin Frau Wipf (Therese Affrolter) ist als örtliche Vorsitzende des „Aktionskomitees gegen Verpolitisierung der Frau“ ihre schärfste Gegnerin. Der Verweis auf das historische Kuriosum der Anti-Suffragetten gehört zu den interessantesten Aspekten von „Die göttliche Ordnung“, weil sich gerade in der offensiven Unterwerfung dieser gebildeten und privilegierten Frau die patriarchale Erstarrung am deutlichsten widerspiegelt.

Insgesamt aber hat die Regisseurin ihren Film als eher harmlose Komödie angelegt, die in ihrem Handlungsaufbau überschaubar bleibt und durch einen Retro-Schleier hindurch von allem Bitteren befreit zu sein scheint. Da wünscht man sich doch manchmal eine Prise jenes feministischen Sarkasmus herbei, den die britische Regisseurin Sally Potter gerade erst in „The Party“ so wunderbar zelebriert hat.

„Die göttliche Ordnung“, Regie: Petra Volpe, 96 Minuten, FSK 6, Lumière

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