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Agreement statt Streitgespräch

Buchdiskussion Agreement statt Streitgespräch

Es scheint, als habe man im Literarischen Zentrum in Göttingen nicht mit derart vielen Gästen gerechnet. Im unteren Teil stehen nicht wie sonst oft Stühle, und deshalb drängen sich die rund sechzig Zuhörer im oberen Teil, um das angekündigte Streitgespräch zwischen Wilfried Scharf, ehemaliger Leiter der Abteilung Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Göttingen, und Volker Lilienthal, Reporter des Jahres 2005, zu verfolgen.

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Hat sich mit Diskursen beschäftigt: Wilfried Scharf.

Quelle: Mischke

Unter anderem hat Lilienthal den Schleichwerbeskandal in der ARD-Vorabendserie „Marienhof“ aufgedeckt.
Thema des Abends ist Scharfs Buch „Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen“ (Tageblatt berichtete). In ihm untersucht Scharf 20 deutsche Kontroversen von 1945 bis 2006 wie die Bewertung der Stalin-Note 1951, den Historikerstreit von 1986 oder die Walser-Bubis Debatte 1998/1999.

Zwischendurch etwas Kritik

„Ich habe die Diskurse subjektiv ausgewählt“, erklärt Scharf zu Beginn. Und indem er für die Beschreibung der Diskurse auf Zitate zurückgreift, wolle er sich absetzen von der sonst in den Sozialwissenschaften üblichen Arbeitsweise. „Da kommen kaum noch Menschen vor. Ich will aber Ross und Reiter nennen.“ Sein Buch gleiche daher auch mehr einer journalistischen Arbeit.

Ein wenig scheint Lilienthal zu schmunzeln, als er eine Nachfrage mit den Worten „Zwischendurch mal was Kritisches“ einleitet, denn von einem Streitgespräch ist wenig zu hören. Seine Anmerkung bringt Scharf dennoch etwas ins Schleudern: Lilienthal beklagt, dass er einige der Zitierten überhaupt nicht einordnen könne: „Wer ist Benjamin Korn, wer Stefan Richter?“

Scharf, der sich den gesamten Abend über expressiver Gestik bedient, wedelt auf diese Nachfrage hin mit seinen Händen, als würde er eine Mücke verscheuchen. Lilienthal zeigt sich davon unbeeindruckt. Scharf wiegelt ab: Es komme ihm nicht auf die Namen an, sondern auf die Argumente. Man fragt sich, warum er dann betont, „Ross und Reiter“ nennen zu wollen.

Probleme hat Lilienthal auch mit einer Passage des Schlusswortes. Hier listet Scharf einem Literaturkanon gleich 14 Bücher auf – unter anderem „Nathan der Weise“, „Die Buddenbrooks“, „Die Blechtrommel“ und „Deutschstunde“ –, welche die Entwicklung des deutschen Wesens erklärten. „Was ist denn nun los? Sollen wir das alles lesen? Hab ich nicht verstanden“, fasst Lilienthal recht lapidar seinen Eindruck zusammen und erntet Gelächter im Publikum. Scharf verscheucht wieder eine Mücke und geht nicht weiter darauf ein. Vielleicht kommt es auch deshalb nicht zum Streitgespräch, sondern eher zu einem für die Zuhörer kurzweiligen Gentlemen’s Agreement unter Beobachtern der Medien.

  • Wilfried Scharf: „Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen“. Academic Transfer, Hamburg 2009, 232 Seiten, 29,90 Euro.

Von Corinna Berghahn

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