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Aktuell, intellektuell: Endlose Spirale der Gewalt

Theaterpremiere Aktuell, intellektuell: Endlose Spirale der Gewalt

Heinrich von Kleist war Anfang 20, als er die Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ schrieb, sein Debütwerk. 1804 wurde das Stück uraufgeführt. Thomas Bischoff hat es jetzt am Deutschen Theater (DT) Göttingen inszeniert und ist das Werk sehr intellektuell angegangen. Sein Ansatz ist nachvollziehbar, die Umsetzung nicht immer.

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In den Zwischenebenen von Inszenierung und Bühnenbild: Meinolf Steiner, Philip Hagmann und Kai Wißner (von links).

Quelle: Heise

In den Häusern von Warwand und Rossitz, zwei Zweigen der Familie Schroffenstein, regiert der Hass. Hier ist am Anfang fast, am Ende jeder gewaltbereiter als ein englischer Hooligan. Auslöser für eine Welle von Gewalt ist der Tod des kleinen Jungen Peter, Sohn aus dem Hause Rossitz. Die Warwands sollen Killer gedungen haben. 

Das Unglück ist entsetzlich, doch vor dem Hintergrund eines über Generationen tradierten Erbvertrages gerät die Situation endgültig außer Kontrolle. Die Abmachung regelt, dass im Falle des Fehlens eines Stammhalters der Besitz einer Familie der anderen zufällt. Hier setzt Regisseur Thomas Bischoff, ein renommierter Vertreter seiner Zunft mit Engagements an vielen großen Häusern, an. 

Bischoff, der schon in seiner „Faust“-Inszenierung in der vergangenen DT-Spielzeit verdichtete und fokussierte, hat auch diesmal wieder ein Extrakt gewonnen. Der Regisseur richtet sein Augenmerk auf den Hass und die Kette von Gewalt, die die Mächtigen immer weiter fortschmieden. Das ist der Punkt, der das Kleist-Drama für Bischoff so aktuell macht wie Krisen in Nahost – Spiralen der Gewalt, deren Ursprungskonflikt kaum mehr auszumachen ist.

Isabelle Krötsch hat für die Inszenierung ein opulentes barockes Bühnenbild entworfen, das vor Bezügen nur so strotzt. Sie hat mehrere Quadratmeter große Prospekte entworfen, die Innenräume,  Landschaft oder Wald illusionieren. Je nach Szene werden sie von der einsehbaren Decke des Theaters herabgelassen. Viele Werke von Caspar David Friedrich, einer Ikone der Romantik, hat sie verarbeitet, lässt die Gemäldegalerie Dresden anklingen, hat Vanitas-Stillleben, also symbolische Todesdarstellungen, eingearbeitet. Selbst das Haus, in dem Kleist sein erstes Stück 1802 geschrieben haben soll, hat sie eingebracht. Der schwarz-weiße Fußboden gleicht einem Schachbrett, auf dem die Akteure schlagen und geschlagen werden.

Verführerische Fülle

Ihr Entwurf ist brillant, so  beeindruckend, dass er für die Inszenierung oft zu sehr in den Vordergrund drängt. Die Fülle verführt dazu, sich zu sehr mit ihr zu beschäftigen. Dabei ist die Shakespearsche Figurenkonstellation, die Kleist erdacht hat, schon kompliziert genug.  Erschwert wird das Verständnis dadurch, dass Regisseur Bischoff  weniger Charaktere sondern Figuren auftreten lässt. 

Damit folgt er seinem Ansatz, die Bühne als Kunstraum zu betonen, nimmt seinem Personal aber auch Möglichkeiten zur Entfaltung. Das Schauspielerteam um Meinolf Steiner, der das Familienoberhaupt der Rossitz’ spielt, und Florian Eppinger, der die Warwands anführt, agiert sehr homogen und fügt sich als Gruppe in ein regie- und kopfbetontes  Gesamtwerk, das  konsequent auf Nachdenken setzt. Eine intellektuelle Herausforderung.

Weitere Aufführungen: am 22. April um 20.30 Uhr, 24. und 30. April, 5. und 18. Mai um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten unter Telefon  0551/496911.

                                                                                                                  Von Peter Krüger-Lenz

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