Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Amphitryon oder die Frage nach der Identität

Kleist im DT Amphitryon oder die Frage nach der Identität

Ach, arme Alkmene: Da verbringt sie eine ekstatische Nacht in den Armen ihres geliebten Mannes Amphitryon. Und der kann sich am nächsten Tag an nichts erinnern, beschuldigt sie sogar das Ehebruchs. Sie reagiert empört, während ihr Gatte und sein Diener Sosias um ihre Identität und ihren Verstand bangen. Im großen Haus des Deutschen Theaters (DT) in Göttingen hat Regisseur Jasper Brandis Heinrich von Kleists „Amphitryon” als eine Suche nach dem verlorenen Ich inszeniert.

Voriger Artikel
Justus Frantz: Konzert in Uslar
Nächster Artikel
Komposition und Improvisation

Frau, Gott und Gatte: Alkmene (Heyer) verzweifelt an Jupiter (Eppinger) und Amphitryon (Pröhl) (von links nach rechts).

Quelle: Winarsch

Kleist (1777 bis 1811) schrieb das Stück 1806 nach einer Vorlage von Molière. Doch was bei dem Franzosen noch eine Gesellschaftsfarce über die Dreistigkeit des Königs war, ist bei Kleist mehr eine Tragikomödie um Identitäts- und Rollenverlust. Kleist scheint sein Schauspiel zu früh geschrieben zu haben, denn uraufgeführt wurde es erst 1899. Zu einer Zeit also, in der die Erforschung der Psyche aufkam.

Schuld an allem trägt Jupiter (Florian Eppinger). Das Oberhaupt der Götter ist eifersüchtig auf Amphitryon (Jan Pröhl), da dieser bei Alkmene an erster Stelle steht. Also nimmt Jupiter die Gestalt des thebanischen Heerführers an und sucht Alkmene in ihrem Schlafgemach auf. Götterbote Merkur (Paul Wenning) muss währenddessen in der Gestalt von Amphitryons Diener Sosias jeden Störer abhalten – auch Sosias selbst.

Sosias (Gerd Zinck) und Amphitryon begegnen ihren anderen Ichs. Doch während sich Sosias, von Merkurs Prügelstab weichgeklopft, mit der „Entsoisierung“ abfindet, fragt sich Amphitryon verzagt: „Wer bin ich?“
Das Bühnenbild von Monika Rupprecht – es besteht nur aus einem Turm – ist gewollt karg. Umso bühnenfüllender ist das Spiel der Schauspieler. Ein Stück um das innere Ringen mit langen Satzpassagen, dann wieder Wortabbrüchen, könnte ermüden. Tut es aber nicht. Denn die unglaubliche Präsenz der Spieler umschifft diese Gefahr.

Katharina Heyers Alkmene verzweifelt ob der Frage, mit wem sie eigentlich die Nacht verbracht hat. Ihr Schreien und ihre Tränen berühren dabei ungemein. Pröhls hochroter Kopf, sein „Außer sich sein“ ist komisch und erschreckend zugleich. Und Eppinger verkörpert den eitlen Gott, der nicht nur angebetet, sondern auch um seiner selbst Willen geliebt werden will, überzeugend. Wobei jeglicher Pathos der Götterwelt durch die Ausstattung – ein ordinärer Zollstock wird eben mal zum Donnerkeil erklärt – und durch Wennigs komisches Auftreten als mehr genervter, denn sakrosanter Götterbote eliminiert werden. Großartig auch Zinck als Sosias, der die Mischung aus Frechheit und Unterwürfigkeit kongenial spielt.

Regisseur Brandis und Dramaturg Lutz Kessler zeigen eine Inszenierung, in der Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben werden. Und in der die tragischen Momente lustig, und die lustigen tragisch sind. Am Ende bleibt nur das resignierte „Ach“ von Alkmene. Mehr lässt sich zu der Eitelkeit der Männer und Götter auch nicht sagen.

Weitere Vorstellungen: 15., 18. und 28. Dezember um 19.45 Uhr im DT Göttingen, Theaterplatz 11, Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Corinna Berghahn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag