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Andrej Kurkow zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

„Mir bleibt nur, darüber zu schreiben“ Andrej Kurkow zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

Andrej Kurkow hat das Talent Realität mit Fiktion zu vermischen. Nicht nur in seinem  jüngstem Buch „Jimi Hendrix live in Lemberg“, aus dem er an diesem Donnerstagabend vorliest. Kurkow schöpft aus eigenen Erlebnissen.

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Dokumentarfilmer, Publizist und Journalist: Andrej Kurkow.

Quelle: Heller

Göttingen. So hat er, genau wie sein Protagonist Alik, schon mal mit KGB-Offizieren, die ihn in der Vergangenheit bespitzelten, Wodka getrunken. Während das Publikum darauf erstaunt reagiert, zuckt er nur mit den Achseln. Die Sowjetzeit hat Spuren hinterlassen.

Sogar das Vorbild für die Figur des Protagonisten Alik existiert tatsächlich. Nach der Veröffentlichung des Romans drehte das ukrainische Fernsehen eine Dokumentation über den Althippie und Jimi-Hendrix Fan Alik und übernahm dabei die fiktiven Geschichten aus dem Roman als Tatsachen. Kurkow freut sich darüber.

Autor Kurkow spricht, je nachdem, wen man fragt, mal sieben, mal acht, mal zehn Sprachen. Auch an diesem Abend lässt er diese Angaben so stehen. Ohnehin sei an ihm alles „multipel“, sagt die Moderatorin und Lektorin für osteuropäische Literatur, Katharina Raabe.

"Kinder in die Schule gebracht und zur Revolution gegangen“

Begeistert erzählt sie, dass er ein Ukrainer ist, der auf Russisch schreibt, seine Figuren kommen aus Litauen, Polen, Russland. Kurkow winkt bescheiden ab. In etwa 25 Ländern wird Russisch gesprochen, sagt er, 80 bis 90 Prozent der Bücher in der Ukraine seien in russischer Sprache publiziert. Dass er auch auf Russisch schreibe, sei daher nichts Besonderes. Auch sei es eben so, dass genau wie in dem Roman viele Menschen aus den Nachbarländern nach Lemberg kämen.

Und doch ist Kurkow besonders. Er ist Dokumentarfilmer, Publizist und Journalist. Als solcher hat er schon für den „Guardian“, „Die Zeit“ und die „New York Times“ geschrieben. Er war hautnah dabei, als die Demonstrationen auf dem Kiewer Majdan-Platz losgingen, als die Krim annektiert wurde, und früh hat er das Wort „Krieg“ benutzt.

In dem Buch „Ukrainisches Tagebuch“ hat er diese Zeit dokumentiert. Dort stehen Sätze wie: „Ich habe die Kinder in die Schule gebracht und bin zur Revolution gegangen.“

Er selbst sei kein Aktivist gewesen, er habe die Revolution nicht als Werbeplattform nutzen wollen, wie viele andere es getan hätten, sagt der Autor.

Erstaunliche Gelassenheit und viel Witz

Die Belletristik hat es schwer in diesen Tagen in der Ukraine. Viele Schriftsteller schreiben über die aktuelle Situation in Form von Blogs und Kolumnen. Und auch im Literarischen Zentrum bewegt Kurkow sich zwischen postsowjetischen Texten und denen, die von den neuen Einflüssen Russlands auf die Ukraine erzählen.

Kurkow spricht über die Korruption in der Justiz, über Demokratiedefizite, über Faschisten und natürlich über Putins Politik. Er erzählt von einer Lesung in Luhansk, wo es den Studenten verboten war, mit den Schriftstellern zu sprechen, davon, dass auch seine Bücher verboten waren. Und er erzählt, wie Freundschaften zwischen ukrainischen und russischen Schriftstellern zerbrochen sind.

Das alles berichtet er mit einer erstaunlichen Gelassenheit und viel Witz, ohne auch nur einmal in Sarkasmus zu verfallen. Ein Optimist eben. So tragisch die Situation in der Ukraine auch sei, sagt er, am Ende bleibe ihm nur, darüber zu schreiben.

Von Serafia Johansson

Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch, Haymon Verlag, 280 Seiten, 17,90 Euro.

Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg, Diogenes, 544 Seiten, 22,90 Euro

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