Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Antje Thoms inszeniert „Ephebiphobia“ im Deutschen Theater Göttingen

„Haben Sie Kinder?“ Antje Thoms inszeniert „Ephebiphobia“ im Deutschen Theater Göttingen

Gerade eben noch war Mäuschen so niedlich, ein zauberhaftes Wesen, zart, zerbrechlich, ein Versprechen auf die Zukunft. So sehen das El und Jim, die Eltern von Fran. Jetzt sehen sie ein 16-jähriges Wesen, über das El sagt: „Es fühlt sich an als ob ein Alien in ihren Körper gelangt ist und das Cockpit übernommen hat.

Voriger Artikel
KAZ-Akrobaten proben für die große Kunst-Gala in der Stadthalle Göttingen
Nächster Artikel
Madeleine Sauveur philosophiert im Göttinger Apex

Vater und Tochter im Stress: Jim (Andreas Jeßing) und Fran (Felicitas Madl).

Quelle: Winarsch

Göttingen. Als ob sie die Arme und die Beine und alles steuern, so dass es wie dieselbe Person aussieht, aber eigentlich ein Alien ist.“

Fran ist mitten in der Pubertät und hat beschlossen, so zu sein, wie ihre Eltern sich einen Teenager in der Pubertät vorstellen. Das Stück „Ephebiphobia – Angst vor Teenagern“ von Tamsin Oglesby hatte am Sonnabend Premiere im Studio des Deutschen Theaters, inszeniert von Hausregisseurin Antje Thoms.

Eine halbe Flasche Wodka hat sich Fran hinter die Binde gekippt. Geld hat sie vom Konto der Eltern gestohlen und die Wohnung verwüstet. Sie kommt jeden Morgen zu spät zur Schule, und dann hat sie auch noch eine Tasche gestohlen. Ziemlich clever zwar, aber Vater Jim kann das nicht akzeptieren. „Du bringst sie zurück.“ Das ist die eine Seite der Geschichte.

Beziehungsdurcheinander

Die andere Seite: Jim, ein freischaffender Künstler, hat eine ausgewachsene Schaffenskrise und heimlich die Hausbar geleert. Das fällt erst spät auf, dann will er die Schuld abwälzen, unter anderem auf seine Tochter. Und El, die das Geld verdient, ist dauerangespannt.

Sie versucht, ihre Tochter zu erziehen, zum Aufräumen und zum Alles­essen. Und weil sie dabei gnadenlos vorgeht, finden Mutter und Tochter nicht zueinander. Und ob der Therapeut die Gemengelage klären kann, zu dem die Kleinfamilie dann geht, erscheint eher fraglich.

Die britische Autorin Oglesby, Jahrgang 1965, hat dieses Beziehungsdurcheinander gerafft und konzentriert, sie hat es überspitzt, aber sie hat ihrem Stück auch Realitätsnähe gelassen. Und genau darin ist ihr Regisseurin Thoms gefolgt. Alle Grausamkeiten, egal welche Seite der Konfliktparteien sie auch verübt, sind vorstellbar. Thoms hat genau hingeschaut und sehr präzise inszeniert.

Hohes Niveau der Schauspielkunst

Ihre Arbeit mit den Schauspielern muss sehr fruchtbar gewesen sein, denn Andreas Jeßing als Vater Jim, Felicitas Madl als Tochter Fran und Andreas Strube als Mutter El agieren auf ganz hohem Niveau und zeigen brillantes Schauspiel.

Die Bühne dafür hat Florian Barth entworfen, auch ihm ist ein Meisterstück geglückt. Die Studiobühne, bislang eher ein Ort fürs Experiment, auf jeden Fall aber ein Ort für reduziertes Interieur, hat Barth diesmal geradezu schwelgerisch ausgestattet. Ebenfalls realistisch hat er die Wohnung einer gut situierten kleinen Familie in den finsteren Raum gezaubert. Das Publikum kann sie in weiten Teilen einsehen.

Es sieht die schicke Espressomaschine und den Küchenmesser-Satz, die Stereoanlage und die Bücherregale. Hier wohnen keine Prolls, sondern eine gutbürgerliche Familie.  Auch sie ist nicht gefeit vor dem Schrecken des unverstandenen oder auch verständnislosen Erwachsenwerdens, kurz: der Pubertät.

Konfliktreicher Abend

Vordergründige Lösungen liefert das Stück übrigens nicht. Die Situation ist verfahren, Schuld daran tragen alle. Die einen mehr, die anderen weniger – am wenigsten wohl noch die Tochter. Doch mit ein bisschen Abstand wird klar, wo die Krux verborgen liegt.

Für welche Zielgruppe also ist die Produktion gedacht? Für alle, die Kinder haben auf jeden Fall, egal, ob vor der Pubertät oder danach. Dann noch für all jene, die staunen wollen über herausragende Schauspieler. Und für die, die sich an präziser Regie erfreuen können. Aber im Vorbeigehen ist dieser konfliktreiche und spannende Abend nicht zu konsumieren.

Weitere Vorstellungen: 22. und 25. Januar sowie am 8., 13., 17. und 24. Februar um 20 Uhr i m Studio des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05 51 / 49 69 11.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff