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Atelierbesuche: der Maler Georg Hoppenstedt

Der zweite Lebensraum Atelierbesuche: der Maler Georg Hoppenstedt

Zahlreiche ambitionierte Künstler haben sich in Südniedersachsen angesiedelt. Wir besuchen sie in ihren Ateliers und stellen sie und ihre Arbeit in einer Tageblatt-Serie vor.

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Quelle: Heller

Göttingen. „Das Atelier ist der persönlichste Ort, den man sich vorstellen kann – ein Ort an dem man in sich selbst hineinschaut“, sagt der Göttinger Künstler Georg Hoppenstedt. Wer sein Atelier im Göttinger Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, betritt spürt dieses Persönliche und Private. Um seine eigentliche Arbeitsfläche wird es eng: Sein Arbeitsbereich ist vollgestellt mit hunderten Bildbänden, afrikanischen Skulpturen, ein großes blaues Pferd und eigene Bilder hängen an weißen Wänden. Man findet ein Sammelsurium an kleinen Figuren, Steinen, Pfauenfedern und Schneckengehäusen. „Ich hole mir Bücher in mein Atelier, Naturkunde, alles was mich auf neue Formen und Farben bringt – Dinge, die mir neue Dimensionen bieten.“ Einen zweiten Lebensraum jenseits seiner privaten Wohnung nennt Hoppenstedt sein Atelier. „Hier ist man entfernt von den täglichen Dingen.“

Leinwände oder anderen Materialien, die Hoppenstedt bemalt und bearbeitet, liegen auf einer zwei mal eineinhalb Meter großen und horizontalen Arbeitsfläche. Hier verdichten sich seine Ideen zu dynamischen Linien und Farbflächen – zu Kunst. „Ich arbeite kein Programm ab“, sagt der 1945 in Bad Pyrmont geborene Künstler. „Ich habe mit Pop Art und klaren Formen angefangen und mich zur intuitiven Malerei aus dem Gefühl raus entwickelt.“ Für seine abstrakten Farbkompositionen braucht der Künstler Inspiration und die passende Tageszeit, um aus dem Hier und Jetzt im eigenen Ich zu schöpfen. „Ich bin Nachtarbeiter, brauche Konzentration, um in eine Versenkung gehen.“ In der Dunkelheit der Nacht strahlt im Atelier aus Neonröhren künstliches Tageslicht auf die Leinwand, auf die als Farbtöpfe genutzten alten Kefir-Kunststoffbecher mit aus Farbpulver und Bindemittel selbstangerührten Farben und auf die Pinseln, Farbwalzen und Schwämmchen mit denen Hoppenstedt Struktur in seine Bilder bringt.

Hoppenstedts Arbeitsphasen dauern bis zu zehn Stunden. „Ich brauche lange, um warm zu werden.“ Dazu stimmt sich der Künstler, der Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert hat, erst einmal ein. Er schaut Fotos durch, blättert in einem seiner vielen Bildbände, sucht nach seinem Bildgrund oder lässt sich von seiner Sammlung kleiner Gegenständen anregen. Und irgendwann geht es los. „Beim Malen habe ich den Fernseher laufen“, erzählt der Künstler, „So übertünche ich den Schritt in die Einsamkeit und bleibe mit der Gesellschaft verbunden – auch erhalte ich durch das Fernsehen Impulse.“ Die dezente Ablenkung durch das Fernsehprogramm ist für den Maler konstruktiv. „Bei intensiven Arbeiten ist es besser, wenn man nicht zu überkonzentriert ist, da so leichter Unterbewusstes ins Bewusstsein kommt.“

Das Atelier von Hoppenstedt besteht aus drei Räumen und umfasst etwa vierzig Quadratmeter. Neben dem eigentlichen Arbeitsraum mit seinen Fenstern nach Süden, gibt es einen Zwischenraum mit Mappen und weiteren Büchern sowie einen Lagerraum für Gemälde.

Die Räume sind durchdrungen von der Aura Georg Christoph Lichtenbergs. Der Mathematiker, Physiker, Philosoph und Aphorismen-Virtuose lebte im 18. Jahrhundert in diesen Räumen im zweiten Stock des Künstlerhauses. Der kreative Denker ist für den Göttinger Maler ein Seelenverwandter: „Lichtenberg war Aufklärer und suchte nach neuen Möglichkeiten. In mehreren Serien habe ich mich künstlerisch mit ihm auseinandergesetzt.“ Doch Hoppenstedt, der sich seit mehr als zehn Jahren im Künstlerhaus-Vorstand engagiert, schätzt den Ort auch als ein Haus des Austausches und der Reibung. „Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, habe lange in Berlin gelebt und mit Göttingen die passende Stadt für Begegnungen gefunden.“

Hoppenstedt arbeitet beim nächtlichen Malen in seinem Atelier auf einen Zustand hin in dem die Inspiration fließt – ein Zustand jenseits von Zeit und Raum. Dann passiert es: „Die schönsten Erfahrungen sind für mich, wenn man durch die eigenen Bilder überrascht wird.“

Von Udo Hinz

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