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Auf der Suche nach den Konjunktiven im Leben

Literaturherbst Auf der Suche nach den Konjunktiven im Leben

Was hat er nochmal angehabt? Irgendwas Unscheinbares jedenfalls. Nach der Lesung von Sten Nadolny am Sonntag im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes auf der großen Bühne des Deutschen Theaters spielte die Dienstkleidung des Bestsellerautors („Die Entdeckung der Langsamkeit“) absolut keine Rolle. Nadolny hatte aus seinem jüngstes Buch „Weitlings Sommerfrische“ gelesen und das Publikum ihn mit Beifall überschüttet.

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Kultiviert und gebildet: der Schriftsteller Sten Nadolny (r.) im Gespräch mit Gerhard Lauer.

Quelle: Heller

Der Protagonist heißt diesmal Wilhelm Weitling, ein Richter a. D. Ihn verbindet einiges mit Nadolny. Das Geburtsjahr 1942 beispielsweise, die Kindheit am Chiemsee und das Leben in Berlin-Wilmersdorf. Auch Weitling ist Schriftsteller – zumindest in einem seiner beiden Leben.
Bei einer Segeltour passt Weitling nicht auf und gerät in ein Unwetter. Das Boot kentert, Weitling kann sich mit letzter Kraft ans Ufer retten. Das  ist ihm schon einmal passiert, als Jugendlicher. Doch diesmal findet er sich mehr als 50 Jahre zurückversetzt. Fortan begleitet er sein 16-jähriges Ich durch sein altes Leben. Sprechen kann er nur mit dem Großvater, der als dement gilt. Und der macht ihm klar, dass er diese Sommerfrische, wie der Vorfahr das nennt, nicht als erster erlebt.

Nadolny liest an diesem Abend aus der Geschichte. Doch er erklärt auch: „Ich muss immer wieder sagen, wie unmöglich es ist, aus einem Buch zu lesen.“ Warum? Lese er das erste Kapitel, erschließe sich die Geschichte nicht, wähle er viele verschiedene Stellen, würde allenfalls ein Gerüst deutlich. Nadolny: „Ich wähle eine Art Mittelweg.“ Folglich startete Nadolny am Buchanfang, anschließend führten ihn zahlreiche gelbe Markierungskärtchen durch das Leseexemplar des Romans.

Und Nadolny hat gut ausgewählt. Der Held der Geschichte erhält Fleisch und Form, er kommt uns nahe. Ein kultivierter Herr mit Marotten und Bildung – wie Nadolny. Der liest mit einer sehr angenehmen Stimme, nicht ausgebildet wie ein Schauspieler, doch mit schauspielerischem Talent. Kleine Gesten begleiten die Sprache, nichts wirkt gekünstelt. Nadolny verwendet Wörter wie ambulieren, Flanell-Nachthemd, Plumeau und eben Sommerfrische, die bei ihm nicht altmodisch klingen, sondern liebevoll bewahrt.

Die Geschichte ist manchmal dramatisch, oft witzig und an vielen Stellen philosophisch. Warum er denn keine gradlinige Erzählung geschrieben habe, wollte Moderator Gerhard Lauer, Professor an der Göttinger Universität, wissen. In einer solchen Form komme der Konjunktiv nicht vor, erklärte Nadolny. Die vielen Möglichkeiten und kleinen Weichenstellungen, die ein Leben veränderten, blieben außen vor. Und genau denen hat er in seinem großartigen Buch nachgespürt.

Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische“. Piper, 224 Seiten, 16,99 Euro.
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