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Aufleben einer musikalischen Tradition

„Niedersächsischen Tage der Jüdischen Musik“ Aufleben einer musikalischen Tradition

Nicht nur die deutschen Synagogen wurden in der Pogromnacht 1938 von den Nazis zerstört. Sie bedeutete auch das Ende der Tradition einer Synagogalmusik, die sich neben der christlichen Musikkultur ausgeprägt hatte.

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Hohes stimmliches Niveau: der Europäische Synagogalchor.

Quelle: Heller

Das an der Musikhochschule Hannover angesiedelte „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“, geleitet von Andor Izsák, widmet sich seit 22 Jahren der Dokumentation und Rekonstruktion jüdisch-liturgischer Musik, die zwischen 1810 und 1938 eine Blütezeit erlebte. Diesem Anliegen sind die „Niedersächsischen Tage der Jüdischen Musik“ verpflichtet, in deren Rahmen am Sonnabend der Europäische Synagogalchor in der gut besuchten Göttinger Johanniskirche konzertierte.

Der Chor existiert erst seit 2009, ein Kammerchor, der dank des hohen stimmlichen Niveaus der Sängerinnen und Sänger Transparenz des Klanges und große Beweglichkeit garantiert. Das sind beste Voraussetzungen, diese unbekannte Musik kennenzulernen.

Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die zuvor ausschließlich mündlich überlieferten Gesänge der Synagoge schriftlich fixiert. In dieser Zeit gab es auch erhebliche Auseinandersetzungen über den Einsatz der Orgel in der Synagoge: Zwar war schon im Tempel in Jerusalem, der im Jahre 70 zerstört wurde, eine Orgel aufgestellt. Als aber Israel Jacobson 1810 erstmals die Synagoge in Seesen mit einer Orgel ausstattete, mochten sich etliche seiner Glaubensbrüder mit dieser Neuerung noch nicht anfreunden.
Doch spätestens mit Louis Lewandowski (1821-1894), dem Kantor der Neuen Synagoge in Berlin, hatte die Orgel endgültig Einzug in die synagogale Musik gehalten. Ein Orgelpräludium und drei Chorsätze von Lewandowski eröffneten das Konzert, eine gediegene, stimmungsvolle und ausdrucksstarke Musik, die stilistisch Mendelssohn benachbart ist. Daher war es nur konsequent, dass Izsák darauf zwei Chorsätze Mendelssohns folgen ließ: die Psalmvertonung „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ und den Satz „Hebe deine Augen auf“ aus dem Oratorium „Elias“.

Zwei weitere jüdische Komponisten stellte Izsák anschließend vor, den hannoverschen Musiker Alfred Rose (geboren um 1855, gestorben 1919) und den Wiener Salomon Sulzer (1804-1890), der zu Schuberts Freundeskreis gehörte. Den Schluss bildete Lewandowskis Psalmvertonung „Wie lieblich sind deine Wohnungen“, die im Anfangsteil deutliche Parallelen zu Brahms’ Komposition desselben Textes im „Deutschen Requiem“ aufweist.

Zuverlässiger Partner des Chores war der Organist Alexander Ivanov, der seine hohe Kompetenz solistisch in Werken von Lewandowski und Mendelssohn herausstellte. Als Zugabe zeigte ein geradezu schmissiger Chorsatz von Salomon Naumbourg (1817-1880), wie vollkommen anders die jüdische Musik klang, die zu dieser Zeit in Paris gepflegt wurde.
Das Konzert des Chores am 7. November in Hamburg wird von NDR Kultur ab 18 Uhr live übertragen.

Von Michael Schäfer

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