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Aus Spiel mit Maske wird blutiger Ernst

„Die Lederfresse“ Aus Spiel mit Maske wird blutiger Ernst

Er ist feige. Wirft sie ihm vor. „Habe ich je etwas anderes behauptet?“, fragt er sie.   Nur im Spiel, in seinen eigenen vier Wänden, für sich allein, ist er „Lederfresse“, stülpt sich Ledermaske und blutverschmierte Schürze über, fuchtelt mit der Kettensäge herum und fühlt sich stark. Doch davon wusste sie nichts, bis zu diesem Abend.

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Streit und Annäherung: Myrtha Dorothee Werner (links) und Sascha Vennemann.

Quelle: Opitz

Göttingen. Warum kommt sie auch zu früh nach Hause? Und überrascht ihn in dieser Aufmachung. Aus ihrem beiderseitigen Schreck entwickelt sich ein handfester Beziehungsstreit – und nicht nur das. Das Theater im OP spielt „Lederfresse“ von Helmut Krausser in der Inszenierung von Mareike von Müller.

„Lederfresse“ ist Kraussers erstes Theaterstück, das er, inspiriert von dem Horrorfilm „The Texas Chain Saw Massacre“ 1993 geschrieben hat. Seit der Uraufführung feiert es im In- und Ausland Erfolge. Krausser behandelt darin, wie er sagt, „sein Lieblingsthema: die chronischen Angstzustände der aus den Fugen brechenden Westwelt, die daraus entstehenden Masken und Mutationen.“

Streit mit all seinen wechselnden Phasen

Sascha Vennemann gibt in der Thop-Aufführung eine sehr überzeugende Vorstellung des jungen Mannes, eines bislang erfolglosen Schriftstellers. Er lässt ihn ein bisschen hilflos wirken, fast tapsig, bevor die Wut aus ihm herausbricht. Immer aber bleibt er wortgewandt. Myrtha Dorothee Werner als Kellnerin, die ständig gefeuert wird, braucht ein paar Minuten um genauso in ihre Rolle zu finden. Dann aber erlebt das Publikum einen bewegenden Streit mit all seinen wechselnden Phasen, vom Werben um Vertrauen, vom Bitten, über die Wut, die Bloßstellungen und die Annäherung.

Als schon fast alles geregelt scheint, eskaliert die Sache noch richtig. Die Lautstärke des Streits ruft den Nachbarn, „das alte Krustentier“, vor dem sie immer gekuscht haben, auf den Plan. Ermutigt durch seine Maske bedroht er ihn mit der Säge. Die Polizei erscheint und bezieht Posten vor der Wohnung eines vermeintlichen Amok­läufers. Aus dem Spiel mit der Maske wird blutiger Ernst.

Dieses Ende allerdings kommt ein wenig spät. Autor Krausser hat sich dazu hinreißen lassen, den jungen Mann immer wieder wortgewandt schwadronieren zu lassen. Auch Vennemann hilft da nicht mehr über die Längen hinweg. Und Regisseurin Müller fehlte wohl der Mut zum Kürzen. So ist es kein perfekter Theaterabend, ein bewegender aber allemal. Das Publikum spendet viel Beifall.

Nächste Vorstellungen am 11., 12., 14., 15., 18., 20., 21. und 22. September jeweils um 20.15 Uhr im Göttinger Theater im OP, Eingang Heinrich-Düker-Weg. Karten unter Telefon 05 51 / 39 70 77 und unter thop-online.de

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