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Ausgelassene Premierenstimmung im Schloss Rittmarshausen

Molières „Tartuffe“ Ausgelassene Premierenstimmung im Schloss Rittmarshausen

Madame (Maja Müller) ist so richtig in Fahrt und redet sich so einiges schön beim Telefonat mit ihrem Bruder: Die Schwiegermutter liege total falsch mit allen Anschuldigungen gegen sie, den Gatten und dessen Kinder.

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Es wird eng: die Hausherrin (M. Müller) und Tartuffe (C. Huber).

Quelle: EF

Göttingen. Nein, die siebzehnjährige Tochter sei kein Flittchen, man habe da nur schon mal was wegmachen müssen und nein, sie selbst sei nicht verschwenderisch, schmeiße Handtaschen nur alle halbe Jahre weg, weil sie nicht  mehr zu ihrem Stil passten.

Alkohol? Damit habe sie kein Problem, ereifert sie sich fleißig trinkend. Bei ihr sei alles in Ordnung, nur dieser Tartuffe in ihrem Haus. Ja, dieser Tartuffe (Christoph Huber). Molières „Tartuffe“ in der Inszenierung der Göttinger Theatermacher „Stille Hunde“ hatte jetzt im Rittmarshäuser Schloss Premiere.

Spirituelle Verwahrlosung

Für die einen ist Tartuffe ein lästiger Möchtegern-Guru, der immer schön langsam eine moralische Plattitüde nach der anderen erbricht, für das Familienoberhaupt Orgon (Stefan Dehler) „ein Wegweiser aus dem Tal der spirituellen Verwahrlosung“. Wer sich schuldig und unwohl in seiner Haut fühlt wie der reiche und einsame Orgon, sucht nach Erleichterung und ist leichtes Futter für einen Betrüger.

Tartuffe ist alles für Orgon, vor allem eine riesige Imaginationsfläche für alles, was ihm fehlt, ein Trostpflaster auf seinem Schuldempfinden, ein Ausweg  aus seinem sinnentleerten Dasein. Wie ein Ertrinkender hängt er sich in der Inszenierung an den massigen Tartuffe, bis dieser mal austreten muss. Dies ist einer der ganz starken und schreiend komischen Momente dieser Tartuffe-Fassung.

Moralischer Zustand der Familie

Das Personal wurde von ursprünglich neun auf drei Hauptfiguren gekürzt, ohne dass es lückenhaft wirkt. Haushälterin Dorine ist gefühlt immer da, wenn einer nach ihr schreit oder der Staubsauger tönt, Tochter Mariane, wenn Rockmusik aus dem Hintergrund lärmt. Hier fügt sich einfach alles zusammen. Die einmal herrschaftlichen und nun eher fadenscheinigen Räumlichkeiten des Schlosses passen zum moralischen Zustand der Familie.

Theater auf so engem Raum zu erleben wie das Publikum hier, versprüht ohnehin meist einen besonderen Charme, vor allem, wenn die Schauspieler nur so durch die Inszenierung fliegen wie hier, wahrhaft mühelos. Die Modernisierungen des Textes stehen Molières Skandalstück, dessen Uraufführung vor 350 Jahren stattfand, ausgesprochen gut. Die dem Stück eigene Kritik religiösen Heuchlertums erregte damals großen Aufruhr und führte zum Aufführungsverbot.

Herrlich überzeichneten Charakteren

Erst eine dritte Fassung des Werkes wurde geduldet. Die Inszenierung mit ihrem Tempo, dem Spaß an der Zweideutigkeit und den herrlich überzeichneten Charakteren wird vom Publikum ausgelassen gefeiert und ist ein ganz großes Theatervergnügen.

Vor der Sommerpause eine Vorstellung am heutigen Donnerstag um 20.30 Uhr im Schloss in Rittmarshausen. Kartentelefon: 05 51 / 63 45 700.

Von Marie Varela

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