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Visuelle Meditation

Tipp des Tages Visuelle Meditation

Im vierten und letzten Teil der „Kunstsequenzen: Fotografie“ des Göttinger Künstlerhauses präsentiert Tamara Wahby ihre Ausstellung „Scans“. Unter extremer Vergrößerung ergeben sich Einsichten in die Miniaturwelten von zerrissene Folien, verwelkenden Tulpenblättern und gesplittertem Glas, die den Betrachter von der reinen Gegenständlichkeit der Objekte wegführen.

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Quelle: r

Göttingen. Im Weißen Saal des Künstlerhauses hängen die Nahaufnahmen leuchtend gelber und violetter Blütenblätter, monochrome Vergrößerungen blattartiger Strukturen, die sich erst auf den zweiten Blick als aufgeschnittene Kohlköpfe entpuppen. Bei einer anderen Bildserie tut sich scheinbar der Blick in die Weiten des Kosmos auf. Mit „Glänzend und Geborsten“ sind die drei Bilder betitelt, die durch die mannigfache Streuung des Lichts in geborstenem Glas wie die Öffnung in einen Raum erscheinen, dessen Ausmaß kaum zu erahnen ist. Licht und Räumlichkeit sind die Parameter, die die Werke von Tamara Wahby charakterisieren. In dem Durcheinander der welkenden Tulpenblätter wechseln sich dunkle Tiefen mit der intensiven Farbigkeit der hellen Flächen ab, das Licht umspielt die mattglänzende Oberfläche der Blütenblätter. „Verblüht und Verwelkt“ zeigt Rosen in stiller Einfarbigkeit vor einem schwarzen Hintergrund, der zum Abgrund wird, in dem die welkenden Blüten zu verschwinden im Begriff sind.

Die Künstlerin aus Roringen hat für die Aufnahmen einen Flachbildscanner aus den 1990er-Jahren verwendet, auf dessen Glasfläche sie die Materialien anordnete. Digital bearbeitet wurde lediglich, wo es notwendig war, um den Bildausschnitt oder die Vergrößerung zu korrigieren. Als Bildobjekte kamen Fundstücke aus Haus und Garten zum Einsatz, verbrauchte Materialien, nicht wert, fotografiert zu werden. Bräunliches Papier und schmutzige Eisbrocken sind nicht länger Abfall. Inspiration fand Wahby in der japanischen Tradition des „Wabi Sabi“, einem Konzept der ästhetischen Wahrnehmung, nach dem Schönheit in dem Unvollkommenen und Fehlerhaften liegt, statt in der Perfektion. Diese Vorstellung steht in enger Verbindung zur Meditation des Zen-Buddhismus, und tatsächlich wirken Wahbys Werke wie eine Einladung in die stillen Tiefen des Mikrokosmos, den sie darstellen.

Die Ausstellung im Weißen Saal des Künstlerhauses, Gotmarstraße 1, isr dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Ein Künstlergespräch ist am Sonntag, 28. August, um 15 Uhr angesetzt.

Von Jana Probst

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