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Bachs Intention romantisch ausgemalt

Im Rathaus Duderstadt Bachs Intention romantisch ausgemalt

Was in Göttingen selten vorkommt, bietet immer wieder einmal Duderstadt: einen Klavierabend nämlich. Im gut besuchten historischen Rathaus gastierte am Sonntag der aus Finnland stammende Pianist Henri Sigfridsson, Jahrgang 1974, der derzeit an der Musikhochschule in Graz als Professor lehrt.

Sigfridsson liebt die romantische Virtuosenmusik, doch ist er auch für andere Stile und Genres offen. So hatte er mit Chopins h-Moll-Sonate und der Dante-Sonate von Liszt zwei virtuose Prüfsteine vorbereitet, dazu mit Schumanns Arabeske, Bachs g-Moll-Toccata und den 32 Variationen c-Moll von Beethoven ein Rahmenprogramm, das an Abwechslungsreichtum und musikalischem Tiefgang nichts zu wünschen übrigließ.

Mit Sigfridssons Bach-Stil mag nicht jeder Hörer einverstanden sein. Er nimmt nach Herzenslust Pedal, geht mit den Tempi in einer Freizügigkeit um, wie sie erst seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlich ist – doch spielt er nicht unbedingt gegen Bachs Intentionen an, sondern malt sie romantisch aus. Gewiss passt dieser Ansatz besser zu Schumanns Arabeske, deren poetischen Gehalt Sigfridsson liebevoll und gründlich auslotete.

Der kraftbetonte, energische Umgang des Pianisten mit seinem Instrument war für Beethovens c-Moll-Variationen ideal. Hier konnte sich die Freiheit des unendlich gedankenreich variierenden Komponisten über dem markanten Fundament der achttaktigen harmonischen Basis wunderschön entfalten. In den Sonaten von Chopin und Liszt war Sigfridsson ganz in seinem Element. Er zeigte Kraft und Temperament, verblüffte mit rauschendem Laufwerk und donnernden Oktaven. Und er hatte auch keine Scheu, den theatralischen Gestus, der zu Liszts Virtuosenmusik gehört, mit Genuss auszuspielen.

Einige Wünsche bleiben allerdings offen. Dass Sigfridsson im Eifer des Gefechts manchmal eine Taste mehr erwischt, als der Komponist vorschreibt, ist unerheblich. Aber hier und da hätte man sich doch ein transparenteres Spiel gewünscht, einen gezielteren Pedalgebrauch und bisweilen auch den Mut zur bescheidenen Schlichtheit.

Dennoch hatte er den begeisterten Schlussapplaus vollauf verdient. Zum Dank spielte er Jean Sibelius, das letzte Stück „Granen“ („Fichte“) aus dem Baum-Zyklus op. 75 – ganz zärtlich, ganz verträumt. Sieh da, er kann’s ja.

Von Michael Schäfer

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