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Beethovens „Fidelio“ in der Staatsoper Kassel

Premiere Beethovens „Fidelio“ in der Staatsoper Kassel

Politische Gegner inhaftieren, sie dort foltern, ja umbringen: Das sind Methoden, die in Diktaturen üblich sind, aber auch nicht selten in Staaten, die sich demokratisch nennen. Insofern ist Beethovens Oper „Fidelio“ immer aktuell geblieben.

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Freigang im Gefängnishof: das Solisten-Ensemble mit dem vielköpfigen Chor der Staatsoper Kassel.

Quelle: Klinger

Kassel. Es ist daher auch legitim, die Handlung in die Gegenwart zu verlegen, wie es Elmar Gehlen in seiner Kasseler Inszenierung getan hat. Sie hatte am Sonnabend Premiere.

So ist in Pizarros Staatsgefängnis eine Video-Überwachungsanlage installiert. Dass man auf den beiden Bildschirmen ausgerechnet das sehen kann, was sich gerade auf der offenen Bühne abspielt, ist freilich nicht ganz sinnvoll. Und einmal klingelt auch Pizarros Handy. Das wirkt lustigerweise fast selbstverständlich.

Zusammen mit Beata Kornatowska hat Gehlen für diese Konzeption einen großen kahlen Raum auf die Bühne gestellt. Die Enge der Gefängniszellen zeigt der käfigartige Pferch im Kellergeschoss, in dem Florestan schmachtet. Als Kontrast ist die kleinbürgerlich-enge Welt Roccos und seiner Tochter Marzelline mit ein paar kleinen Möbelstücken markiert. Hier könnte sich sehr überzeugend die spannende Geschichte einer geglückten Gefangenenbefreiung erzählen lassen, zu der Beethoven eine packende Musik geschrieben hat. Das will allerdings nicht vollständig gelingen, sowohl aus musikalischen wie aus inszenatorischen Gründen.

Als Dirigent steht der junge israelische Musiker Yoel Gamzou am Pult, seit dieser Spielzeit Erster Kapellmeister am Kasseler Staatstheater. Er ist offenbar ein Heißsporn – stürzt zur Ouvertüre so schnell ans Pult, dass die Hornisten kaum Zeit haben, vor ihrem Einsatz einzuatmen und prompt ihre ersten Töne nicht genau treffen. Gamzou geht mit den Tempi ausgesprochen frei um, heizt die Partitur emotional auf, beschleunigt hier unbarmherzig, um dort mit seinem Ritardando beinahe die Notbremse zu ziehen. Darüber hinaus dirigiert er mit dem gesamten Körper, hebt gern die Arme weit über Kopfhöhe hinaus, macht übergroße Bewegungen, die aber nicht unbedingt übergroße Präzision erzeugen.

Das zweite Manko betrifft die Regie. So einsichtig Gehlens Grundidee ist, so wenig tut der Regisseur darüber hinaus. Seine Personenführung ist, sanft formuliert, unauffällig, der Chor – musikalisch nicht immer ganz pünktlich – steht manchmal etwas unmotiviert herum oder ist, schlimmer noch, mit Aktionen – etwa Rangeleien der Häftlinge untereinander – beschäftigt, die wenig bis nichts mit dem Libretto zu tun haben.

Dennoch bleibt dieser „Fidelio“ sehens- und hörenswert. Denn was die Solisten angeht, hat Kassel eine Menge zu bieten. Die amerikanische Sopranistin Kelly Cae Hogan, an der New Yorker Met die Gerhilde in Wagners „Walküre“, ist eine bemerkenswert stimmstarke Sängerin mit viel Kern und ohne jede Schärfe in der Stimme, die sich auch gegen massiven Blechbläserklang durchsetzen kann. Für die Rolle des Florestan – die ihn noch ein wenig anstrengt – bringt Johannes An glänzende Spitzentöne und große gestalterische Fähigkeiten mit.

Nina Bernsteiner ist eine bezaubernde Marzelline, stimmlich untadelig und sehr beweglich. Angemessen kleingeistig spielt Kryzsztof Borysiewicz den Kerkermeister Rocco und bringt dafür seinen schön durchgebildeten Bass ein. Nicht minder zuverlässig, wenn auch hier und da stimmlich nicht ganz durchsetzungsfreudig, singt Espen Fegran den Pizarro. Der Südafrikaner Musa Nkuna, neu im Ensemble, macht als Jaquino seine Sache hervorragend. Das Premierenpublikum feierte das Ensemble ausgiebig.

Termine: 29. September, 2. und 13. Oktober, 11. November (19.30 Uhr), 28. Oktober und 18. November (18 Uhr). Kartentelefon 05 61 / 10 94 222.

Von Michael Schäfer

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