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Benjamin von Stuckrad-Barre liest zum Abschluss

Literaturherbst Benjamin von Stuckrad-Barre liest zum Abschluss

Orgelklänge dröhnen aus den Lautsprechern. Ein Lindenberg-Lied mischt sich darunter. Benjamin von Stuckrad-Barre zelebriert seinen Popstar-Auftritt. Vor mehr als 20 Jahren war er Assistent des Literaturherbst-Gründers Christoph Reisner. Jetzt beendet er mit seiner Lesung im ausverkauften Deutschen Theater den Literaturherbst.

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Benjamin von Stuckrad-Barre

Quelle: Pförtner

Göttingen. Das ist mal eine Ansage: „Ich lese, solange es euch Spaß macht – oder mir. Vielleicht ist es um halb zehn vorbei“, erklärt Stuckrad-Barre zu Beginn um 21 Uhr. Er hat gerade das Buch „Panikherz“ veröffentlicht, ein Teil darin spielt in Göttingen. Denn der Autor ist hier aufgewachsen. Am Max-Planck-Gymnasium neben dem Theater hat er sein Abitur bestanden – und die Punkband The Bates zur Abifeier engagiert. Schon damals strebte Stuckrad-Barre nach höheren Weihen in der Popwelt.

Start im Café Kadenz

Gleich zu Beginn des Abends kündigt er an: „Ich kenne die Hits in diesem Buch. Die lese ich nicht.“ Stattdessen? „Nur die seltsamen Stellen, die, in denen Christoph vorkommt.“ Denn Reisner widmete er diesen Abend, einem seiner Helden. Tatsächlich liest er dann vor allem Göttingen-Passagen. Jene beispielsweise, die von seinem Start ins Autorenleben handelt. Im Café Kadenz in der Jüdenstraße lernte er damals Reisner kennen, der zehn Jahre älter war, das Stadtmagazin „Nightlife“ herausgab und den Literaturherbst erfand. Vorher hatte er sich nach einer Theaterrezension eine Abfuhr des Stadtmagazins Charakter eingefangen, später sollte er bei dem Heft Koma landen. Stuckrad-Barre beschreibt seine Werdegang selbstironisch: Charakter? Nein. Nightlife? Voll dabei. Koma? Am Ende.“


 
Sich selbst schont Stuckrad-Barre nicht, weder im Leben noch in seiner Halblebens-Biographie „Panikherz“. Und gegen andere teilt er auch kräftig aus. „Ich bin kein Schlagerstar, ich bin nicht Leon de Winter“, ätzt er gegen den niederländischen Schriftsteller, der vor ihm gelesen hatte. Das Kadenz sei runtergekommen, da sehe es aus wie im Gehirn von Ina Müller. In Göttingen würden Restaurants nach Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln und Nudeln benannt, das klinge wie Schlumpfhausen.

Produktiver Husten

Mehr noch: „Was für eine fucking Einöde wäre die Stadt doch ohne den Literaturherbst.“ Einen Huster im Publikum fordert er auf, produktiver zu husten. Und die schreibenden Kollegen, die auf dem großen Literaturherbst-Werbebanner abgebildet sind, nennt er Backpfeifen-Gesichter. Drei Schulfreunde, die in einer der Theaterlogen johlen, führt er als geizig und trunken vor.
 
Zum Schluss dann liest er den Abschnitt, der von einem geplanten Klassentreffen handelt. Geistreich, brillant beobachtend und wortmächtig zieht er her über die Typen, die ihn da erwarten, die Besserwisser, die Frauenaufreißer, die Familienmenschen ohne Familiensinn, die Kumpel, die nur so tun, die Verwalter ihres Lebens, die Abenteurer, die es doch nur bis nach Geismar geschafft haben und die Eigenheimbewohner auf dem Land. Er immerhin sei während des Treffens der alten Schulkollegen in Los Angeles gewesen. Nicht aus Protz allerdings, sondern aus Angst davor, über die alten Bekannten sich selbst zu begegnen. Und da blitzt er dann auf, der getriebene Stuckrad-Barre, der sich so sehr nach Heldentum sehnt und das doch immer nur bei den anderen sieht – und der wohl doch anders ist als der pöbelnde Popstar Stuckrad-Barre, der unbedingt die Bühne rocken will. Sein Schlusswort mit Blick in den Theaterraum: „Für einen Göttinger ist das die Royal Albert Hall.“

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