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„Bent“ thematisiert Verfolgung Homosexueller

Theater im OP Göttingen „Bent“ thematisiert Verfolgung Homosexueller

Die Verfolgung und Ermordung Homosexueller durch das NS-Regime ist Thema des 1979 erstmals aufgeführten Stückes „Bent“ von Martin Sherman. Das Theater im OP Göttingen hat das Stück nun ebenfalls inszeniert - als erstes Theater in Deutschland in der im Juni erschienenen Übersetzung von Olaf Roth.

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„Bent“ im Theater im OP Göttingen: Justin Middeke (von links), Henning Bakker und Philipp Schlöter (hinten)

Quelle: Ulf Janitschke

Göttingen. Berlin, 1934. Max (Philipp Schlöter) genießt sein Leben in vollen Zügen. Er feiert ausgelassen, gibt sich dem Alkohol und anderen Drogen hin und nimmt jede Nacht einen anderen Mann mit in seine kleine Wohnung, in der er mit dem filigranen Tänzer Rudy (Justin Middeke) zusammenlebt. Doch so, wie Max sein Leben bisher gestaltet, geht es nach der Machtergreifung Adolf Hitlers nicht weiter. Denn mit dem „Röhm-Putsch“, der Ermordung des offen homosexuell lebenden SA-Führers Ernst Röhm und seiner engsten Anhänger, geraten Homosexuelle immer stärker ins Visier der Nazis. So wird auch für Max und Rudy die Luft immer dünner. Sie müssen fliehen und untertauchen, sich unauffällig verhalten. Doch alle Versuche, sich den Verfolgern zu entziehen, scheitern. So kommt es, dass das Paar nach Dachau deportiert wird.

„Wenn du am Leben bleiben willst, darf er nicht für dich existieren“ - dieser erschütternden, unumkehrbaren Realität muss Max ins Auge sehen, als er auf Anweisung eines SS-Offiziers (Nils Finck) seinen Partner Rudy erst verleugnen, und dann mit eigenen Händen umbringen muss. Ab diesem Moment ist der Protagonist nicht mehr derselbe. Horst (Henning Bakker), ein ebenfalls in Dachau gefangener Homosexueller, klärt ihn über die Hierarchien im KZ auf. So stünden die Schwulen, gekennzeichnet mit dem „Rosa Winkel“, ganz am Ende der Rangordnung. In der naiven Hoffnung, sich durch „Deals“ mit den SS-Männern einen besseren Stand zu verschaffen, löst sich Max’ Identität nach und nach völlig auf. Er hat Sex mit einer von der SS getöteten 13-Jährigen, um zu beweisen, dass er nicht „andersrum“ ist, vollzieht den Oralverkehr mit einem Offizier, um Medizin für Horst zu organisieren, und gibt vor, Jude zu sein. Sein Opportunismus nützt ihm rein gar nichts - er schleppt, gemeinsam mit seinem neuen Freund Horst, weiterhin täglich Steine von einer Ecke zur anderen, bei jeder Temperatur, zu jeder Jahreszeit. Immerhin können sie aber miteinander reden, sich mitteilen. Nur über Liebe darf Horst nicht sprechen - dies versetzt Max in absolute Panik, doch noch mit einem „Rosa Winkel“ gekennzeichnet zu werden. Am Ende wird Horst erschossen - von den Nazis, vor Max’ Augen. Er gesteht dem ermordeten Horst seine Liebe, zieht dessen mit dem „Rosa Winkel“ bestickten Jacke an, und bringt sich selber um.

„Bent“ (Slangbegriff, der in manchen Ländern gebraucht wird, um auf Homosexuelle zu verweisen) unter der Regie von René Anders und Myrtha Dorothee Werner ist ein - natürlich ob der geschichtlichen Einordnung - beklemmendes Stück, das den Zuschauer erschüttert zurücklässt. Das Ensemble präsentiert ein einnehmendes Schauspiel, das dem Publikum ermöglicht, den Wahnsinn des NS-Regimes zumindest zu erahnen - eine Abbildung der Realität ist selbstverständlich unmöglich. Die Schauspieler füllen ihre Rollen grandios aus und schaffen es, von der anfänglichen Leichtigkeit im Berliner Milieu bis zur Auflösung des Ichs im KZ überzeugend zu agieren. Die Premiere endet mit Standing Ovations im Publikum. Weitere Aufführungstermine am 10., 11., 13., 15., 17., 19., 20. und 21. Oktober, jeweils um 20.15 Uhr.

Von Maren Iben

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