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Bilanz für Göttinger Literaturherbst

Erfolg auf neuen Wegen Bilanz für Göttinger Literaturherbst

50 Veranstaltungen in zehn Tagen mit 9900 Besuchern sind nur die Eckdaten für den 23. Göttinger Literaturherbst. Die beliebte Veranstaltung hat mit bekannten Autoren wie Andreas Schätzing oder Andrea Sawatzki das Publikum ebenso begeistert wie mit Themen von großem Interesse, wie sie die Psychotherapeutin Eva Jaeggi oder der Naturphilosoph David J.C. MacKay vermittelten.

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Erinnern an den Komponisten Franz Schubert: Daniel Rohr, Felix Froschhammer, Rachel Späth, Markus Fleck und Andreas Fleck (von links).

Quelle: Heller

Göttingen. MacKay erhielt für seine allgemeinverständliche Wissenschaftsliteratur auch die erstmals von den Göttinger Max-Planck-Instituten gestiftete „Science Communication Medal“. Die wissenschaftlichen Vorlesungen sind ebenso ein Markenzeichen des Literaturherbstes, wie die Lesungen aktueller deutschsprachiger Autoren.

In diesem Jahr war erstmals der Träger des Deutschen Buchpreises 2014, Lutz Seiler, zur Lesung in Göttingen. Buchpreisträger sollen weiterhin bald nach der Verleihung beim Literaturherbst sein.

„Die Veranstaltung musste neue Wege gehen“, sagt Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes Peter Herberhold. Christoph Reisner, der im Frühjahr nach schwerer Krankheit gestorbene Gründer der Veranstaltung, „war der personifizierte Literaturherbst“, sagt Herberhold, der jahrelang enger Mitarbeiter von Reisner war.

J.P. Herberhold

J.P. Herberhold

Quelle:

In diesem Jahr hat Herberhold übernommen.  Er hat Partner wie das Literarische Zentrum Göttingen gewonnen, ein Ticketsystem via Internet eingeführt, Lesungen in der Region, wie im Grenzlandmuseum, stattfinden lassen und zudem das Programm über Lesungen hinaus mit musikalischen Darbietungen erweitert.

Besonders habe ihn gefreut, dass es gelungen sei, täglich etwa 1000 Literaturbegeisterte in dieser Stadt zu bewegen. Die Zahl der verkauften Tickets hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, was auch, aber nicht nur an deutlich mehr Veranstaltungen liegt. Und es kamen nicht nur Südniedersachsen: Von Freising bis Flensburg, von Köln bis Potsdam seien Tickets verkauft worden, so Herberhold.

Die Vorbereitungen fürs nächste Jahr sind bereits angelaufen: vom 16. bis 25. Oktober 2015 wird der 24. Göttinger Literaturherbst sein.

Daniel Rohr und das casal-Quartett erzählen aus dem Leben von Franz Schubert
Von Tina Evers

Franz Schuberts Leben war kurz und bewegt. Verschiedenste Dokumente zeugen von seinen Gedanken, seinen Problemen und seiner Musik. Hört man seine Kompositionen, so kann man mitunter erahnen, dass das Leben des Komponisten nicht immer nur glückliche Stunden für ihn bereit hielt.

Wie nahe man dem Komponisten jedoch kommen kann, wenn man seine Briefe und andere Zeugnisse seines Lebens direkt zur Musik liest, das zeigt das casal-Quartett mit Schauspieler Daniel Rohr am Sonntag beim Literaturherbst. Unter dem Titel „Ich bin zu Ende mit allen Träumen“ gewähren sie im Deutschen Theater tiefe Einblicke in die Seele Schuberts.

Von der ersten Sekunde an zieht Rohr das Publikum in seinen und damit auch Schuberts Bann. Er liest Gedichte, Briefe, Zeugnisse oder Rezensionen mit so viel Hingabe und Ausdruck, dass man sich unmittelbar in die Lebzeiten Schuberts (1797-1828)  zurückversetzt fühlt. Mit Gesten und Blicken untermalt er die Briefe und verleiht ihnen bisweilen eine gewisse Komik.

Chronologisch führen die Texte durch das Leben des Komponisten, so liest Rohr zu Beginn aus einem Zeugnis Schuberts, mit erhobenem Zeigefinger und den strengen Tonfall eines Schulmeisters nachahmend Dessen Fazit lautet: “Ein musikalisches Talent“. Der Beweis folgt sogleich.

Mit Auszügen aus Streichquartetten, die nicht nur zeitlich, sondern auch klanglich mit den gelesenen Texten einhergehen bezeugt das casal-Quartett nicht nur Schuberts großes kompositorisches Talent, sondern auch sein eigenes. Gerade die dynamischen Feinheiten arbeiten die Musiker Felix Froschhammer, Rachel Späth, Markus Fleck und Andreas Fleck besonders heraus.

So spielen sie teilweise so leise, dass Rohr sogar während der Musik noch seine Texte vortragen kann. Dabei verlieren sie jedoch keineswegs an Ausdrucksstärke. Nach den so melancholisch anmutenden Klängen aus Schuberts „Der Tod & das Mädchen“, die das Quartett voller Spannung spielt, kann nicht einmal Rohr mehr seine Faszination zurückhalten. „Unglaublich schön“, kommentiert er ergriffen.

Und obwohl das Publikum gebeten wurde, erst am Ende zu applaudieren, kann doch niemand die Begeisterung nach dem ersten Satz aus Schuberts Quartett in G-Dur zurückhalten und so verfällt das Publikum schon vorzeitig in großen Beifall.

Mit Schuberts frühem Tod steht ein ergreifendes Thema am Ende dieses Abends. Sein „Wegweiser“ aus der „Winterreise“ bildet den musikalischen Abschluss. Die Verbindung aus Lesung und Konzert ist geglückt – vollkommen.

 
Schauspielerin Sawatzki findet immer Zeit zum Schreiben
Von Christiane Böhm

Was kann ich noch machen, was noch ausprobieren? Diese Fragen, sagt Andrea Sawatzki, stellen sich viele rund um ihren 50. Geburtstag. Sawatzki, Jahrgang 1963 und eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen, hat für sich eine Antwort gefunden: sie schreibt. Innerhalb von zwei Jahren legt sie nun ihr drittes Buch vor. Die Familienkomödie „Von Erholung war nie die Rede“ stellte sie am Sonntag beim Literaturherbst vor.

Ihr erstes Buch war ein Krimi, der durchaus als psychologische Entwicklungsgeschichte gelesen werden konnte, mit den Büchern zwei und drei hat sie sich ganz auf das heitere Fach eingelassen. Hauptperson ist Gundula Bundschuh, Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Mit ihrer Ehe ist nicht mehr viel los, sie möchte gern wieder arbeiten. Sie ist auf der Suche, nach etwas, das sie wirklich gut kann.

Sawatzki hat den Mitgliedern der Familie verschrobene Charaktere verpasst und lässt sie von einer Panne in die nächste stapfen. Der erste Teil der Gundula-Geschichte, bei der es um ein verkorkstes Weihnachtsfest geht, wird vom ZDF verfilmt, Sawatzki selbst spielt darin die Hauptrolle.

Andrea Sawatzki

Andrea Sawatzki

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Im aktuellen Band hat  Schwiegermutter Susanne einen Urlaub auf Norderney gewonnen, mit Familie und der Verpflichtung, für eine Marmelade Werbung zu machen. Schon die Fahrt wird zur Odyssee, vor Ort geht schief, was schief gehen kann. Ein enormes Tempo hat die 51-Jährige  Schriftstellerin beim Produzieren ihrer Bücher vorgelegt.

Schreiben falle ihr leicht, erklärt Sawatzki im Gespräch mit Mandy Becker von Deutschen Seminar der Universität Göttingen. „Als Schauspielerin muss ich mir ja auch die Biografie der Charaktere erarbeiten.“ Und Zeit zum Schreiben finde sie immer, vor allem im Zug, wenn sie unterwegs sei zu ihren diversen Terminen.

Warum sie sich für diese humoristische Variante entschieden hat, fragt Becker. „Eigentlich“, so Sawatzki, „ist ja nur der Rahmen heiter. Komödien haben ja immer einen ernsten Grund.“ Ihre Gundula fühle sich rundherum unvollständig, der Zustand ihrer Ehe sei traurig. Das Buch sei eine schwarze Komödie, erklärt die Autorin.

Natürlich liest Sawatzki auch aus ihrem Buch und das gekonnt, schließlich gehört zu ihren vielen Jobs auch das Einlesen von Hörbüchern. Die Schauspielerin  beherrscht als Schreibende, das wird schnell klar, die Klaviatur der Komödie. Allerdings bedient sie sich dabei allzu gern der gängigen Klischees. Und ihre Sprache hätte durchaus ein bisschen Feinschliff vertragen.

Sie möge die Vorstellung, dass sich ihre Leser unterhalten fühlen, sich für ein paar Stunden mit ihrem Buch zurückziehen und Spaß haben, erklärt Sawatzki. Das erreicht sie mit ihrer Familiengeschichte sicher.  

Andrea Sawatzki: „Von Erholung war nie die Rede“. Piper, 272 Seiten, 19,60 Euro.
 
Diskussion über die Herstellung guter Bücher
Von Daniela Lottmann

Was macht ein Buch zu einem guten Buch? Als erstes werden als Antwort meist inhaltliche Faktoren aufgezählt: Eine spannende Story, ein sympathischer Protagonist, eine kunstvoll verschachtelte Geschichte? Die Frage lässt sich aber auch so beantworten: Ein gutes Buch ist eines, das man gerne anfassen mag, das einen bestimmten Duft verströmt oder angenehme Geräusche beim Umblättern macht. „Die Sinne sind da sehr wichtig“, findet Uta Brandes.

Brandes ist Professorin für Gender und Design an der Köln International School of Design. Mit dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl und dem Typografieexperten Klaus Detjen diskutiert Brandes über die sinnliche Dimensionen eines Buches, und wie man sie herstellt. Die Literaturherbst-Veranstaltung am Freitag im Alten Rathaus mit dem Namen „How to make a beautiful book“ ist gut besucht.

Gute Bücher herzustellen bedeutet Aufwand, das wird schnell klar, als Detjen zum Beispiel über die richtigen Abstände oder die unterschiedlichen Schriftarten referiert. An wie vielen kleinen Stellschrauben gedreht werden muss, um ein Buch auf den Markt zu bringen, wird hier sehr deutlich. Dabei ist das Buch eigentlich ein Alltagsobjekt. „Warum nicht einfach gut lesbar die Schrift drucken?“, fragt Brandes.

„Als Typograf stellen wir uns andere Fragen. Da steht der Text im Vordergrund“, meint Detjen. Für ihn sei es wichtig, dass Inhalt und Schrift zueinander passen. Je nach seinem Inhalt müssen für ein Buch so eine Fülle von Einzelentscheidungen getroffen werden. „Bei kleinen Texten kann man Atem, Feuer und Experiment hineinlegen“, erzählt Detjen über das Gestalten von Gedichtbänden. Andere Regeln gelten aber etwa beim einem Roman.

Bei so vielen Gedanken zum fassbaren Objekt muss in heutiger Zeit auch nach dem digitalen Buch gefragt werden. Dazu hat Steidl einen guten Tipp: „Alles, was man nicht bis an sein Lebensende haben will, ist besser digital aufgehoben.“ Für ihn sind Bücher auch Sammlerobjekte.

Detjen betont dabei die sinnliche Wahrnehmung: „Man hat den Text förmlich in der Hand.“ Das digitale Buch könne das nicht leisten: „Für mich haben die beiden Dinge nichts miteinander zu tun.“ Und auch Steidl sieht das ähnlich: „Ich möchte kein Ipad mit ins Bett nehmen.“

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Respect? Respekt!
Foto: Gute Manieren: der Schriftsteller Max Goldt.

Da läuft er. Lustwandelnd an allerlei Kutschen und feinen Damen vorbei, flanierend im besten Ausgehrock. Gute Manieren. Dann sitzt er als strenger Lehrer der Klasse vor, adäquate Ausdrucksweise, guten Benimm einfordernd. Schwer vorstellbar ist im Gegensatz dazu ein Gutmensch Max Goldt, ein Professor der Toleranz, der für das soziale Projekt einer bunten Gesellschaft seinen Wertekanon ad acta legt.

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