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Bilder aus einem Fluss gegen die Schaffenskrise

Georg Hoppenstedt stellt im Künstlerhaus aus Bilder aus einem Fluss gegen die Schaffenskrise

"Nicht Biographie, sondern Untersuchung und Auffindung möglichst kleiner Bestandteile“, plant Franz Kafka, als sich ihm das Schreiben versagt. Derzeit sind mit „analog“ Arbeiten Georg Hoppenstedts aus den vergangenen vier Jahren im Göttinger Künstlerhaus zu sehen.

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Eitempera auf Leinwand: Hoppenstedts „Alive“ (120x100 cm)  aus dem Jahr 2012.

Quelle: Heller

Göttingen . Gemälde bilden den Kern der Ausstellung, die sich oszillierend von Organischem zur Abstraktion bewegt, den Kern der Einführung des Göttinger Künstlers in die Ausstellung bildet seine ebenso persönlich wie kunsttheoretische „Untersuchung und Auffindung möglichst kleiner Bestandteile“.

Zwischen den Bildern „Stiele“ von 2008, einer dynamischen, diagonal aufwärts orientierten Arbeit, an die benachbart gehängten botanischen Studien erinnernd und doch von eigenständiger, eigentümlicher Bewegungskraft,  und „Trieb und junges Blatt“ von 2012 liegt eine Entwicklung, die mehr als allein die Zeit von vier Jahren zu dokumentieren scheint. „Trieb und junges Blatt“ ist eine beinahe kontemplative Arbeit, die aus der reinen Anschauung und malerischen Umsetzung ihre Kraft bezieht. Von dunkler Basis, Kobalt, Ultramarin Violett und Preußisch Blau aus fächern sich auf beinahe neapolitanisch gelbem Grund lindgrün Organisches, helle Strenge und blühende Wölbungen auf. Die Natur widerspricht der fortgeschrittenen Abstraktion hier nicht, sie fällt mit ihr zusammen. Die pflanzenhaften, mal körperlichen Anklänge, die in vielen, vielleicht den meisten Gemälden auftauchen, sind hingegen allein Transporteure der Form.

„Die Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur“, zitiert Hoppenstedt Paul Cézanne, und fügt hinzu: Seine Bilder seien nicht gemalt worden, um eine gelungene Abstraktion darzustellen – obwohl immer hart daran gearbeitet worden sei. Auch nicht, um eine Geschichte heraufzubeschwören.

Die zahlreichen Besucher der Eröffnung erfahren viel über den Maler und über den Entstehungsprozess der Ausstellung, vor der ihn eine ernsthafte Schaffenskrise befallen habe, so der Maler. Dem stockenden Malfluss Hoppenstedts stand etwas entgegen, das nach Selbstvergewisserung verlangte, Fragen stellte und Auseinandersetzung einforderte.   Hoppenstedt dokumentierte die Suche nach spezifischen künstlerischen Werten und das Ringen um die Anschaulichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung in tageweisen Notaten. „Daraus will ich mich dann aufbauen“, meinte Kafka. Und so schlagen sich Themen nieder, deren Zentrum immer die Kunst ist, kreisend um das persönliche Ringen:  Wachstum, Auseinandersetzung, Transformation, Wahrheit, Spiegelung von Anschauung, Erfinden einer neuen Sprache, formale Kontraste, „wobei mir kalt und warm besonders wichtig sind“, Zweifel, Hadern, Wachsen,  Abstraktion und Gegenständlichkeit, Ornament, Fläche, Zeit, Landschaft, Jugend, Alter, Form, Bewegung, Naturverweis und vieles mehr steckt in den dichten Einträgen.

Sie weisen zurück auf die mit selbst hergestellter und matt auftrocknender Tempera gearbeiteten Bilder, die, immer in einem Fluss entstanden, oft an einem Tag, die Transformationen des Prozesses abbilden. Sie spannen, mal konkret, mal wie mit den Luftwurzeln eines „Datenspeichers“ ein Netz zwischen dem Material, den formalen Kriterien und der Idee. Sie zeigen den Maler über die Bilder hinaus. Kafka würde lachen und sagte über das fast schon abgerissene Haus: „… daneben ein sicheres aufbauen, womöglich aus dem Material des alten.“

Die Ausstellung ist im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1 in Göttingen, dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, an den Wochenenden von 11 bis 13 Uhr zu sehen. Zur Finissage am Sonntag, 14. Oktober, erscheint ein Katalog.

Von Tina Lüers

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