Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Zwischen Glamour und Dada

"Bilderbuch" im Kulturzelt an der Drahtbrücke Zwischen Glamour und Dada

Woran erkennt man echte Rockstars? Sie kommen zu spät. Mehr als 15 Minuten hat das Publikum im Kulturzelt auf die österreichische Band Bilderbuch gewartet, während sich die Bühne mit Kunstnebel füllte. Als das Quartett dann die Bühne betrat, entwickelt sich ein denkwürdiger Abend.

Voriger Artikel
Festspiele ganz ohne Thema
Nächster Artikel
Düster, aber humorvoll
Quelle: PEK

Kassel. Die letzte große Nummer aus Österreich war die Band Wanda, klassischer Rock‘n‘Roll mit Nikotin und Alkohol. Danach ist dann Bilderbuch aufgetaucht, gegründet von Teenagern, die jetzt Mitte 20 sind. „Die waren in diesem Jahr auf jedem Festival“, erzählt ein junger Besucher vor dem Konzert seinen Begleitern, „und sie machen einfach Laune“.
In den ersten Jahren haben die Musiker eher herumprobiert, inzwischen haben sie sich und ihren Stil gefunden. Irgendwo zwischen glamourösem Rock, Falco-Rap, Art-Punk und Dada tummeln sie sich. Ihre Auftritte sind ganz dicht an Kunstperformances.
Der Anfang des Konzerts in Kassel versinkt ein bisschen im Nebel. Die Scheinwerfer glühen rot, auf der Bühne bewegen sich überwiegend Schatten und Silhouetten. Nach den ersten Liedern geht mehr Licht an, ein Tuch an der Rückwand fällt, dahinter knapp 150 weiße Turnschuhe, die in Reihen an Schnüren von oben herunterhängen und einen wandfüllenden, eigenwilligen Vorhang bilden.
Zwei Sängerinnen hat Bilderbuch diesmal dabei, schwergewichtige schwarze Frauen, die sehr nach Gospel aussehen und irgendwann wild rappen. Vorne tobt Maurice Ernst, eine wilde Rampensau. Der Sänger und Gitarrist verfügt über viel Bühnenpräsenz. Er kokettiert, spielt mit dem Publikum und agiert bemerkenswert theatralisch. Sexy soll das sein und ist es auch. 30 Minuten vor Konzertbeginn wurden die Türen des Kulturzeltes geöffnet, zwei Lager strömten hinein. Die Älteren, um einen Sitzplatz im hinteren Teil des Zeltes zu ergattern, die anderen drängten sich vorne dicht an der Bühne. Sicher auch wegen Sänger Ernst.
Er ist allerdings nicht die einzige Attraktion auf der Bühne. Gitarrist Michael Krammer prägt den Sound von Bilderbuch mit grandioser Musikalität. Er sequenziert die Melodien. Wo andere Gitarristen brav die Lieder herunterschrammeln, geht Krammer mit großer Spielfreude und Kreativität vor. Seine Gitarre kann das klassische Rocksolo, das er wieder salonfähig gemacht hat. Sie kann aber auch nach Orchester klingen, nach Klavier und nach Querflöte. Alles eine Frage der Anzahl der Pedale, die den Sound des Instruments verändern. Und davon besitzt Krammer eine Menge.
Ein Lied könne manchmal aus einem Wort entstehen, hat er mal in einem Interview erklärt. Das ist denkbar, häufiger wird es aber ein Satz gewesen sein. Die Texte sind schräg geschraubt, vordergründig unpolitisch, aber mit Blick auf die Verbesserung der Welt geschrieben, auch wenn es nur ein kleiner Lichtblick ist.
Wild ist der Mix, den Bilderbuch zu ihrem ganz eigenen Sound zusammenbringen, Popmusik, die viele Einflüsse der vergangenen Jahre vereinigt. Enorm professionell liefern die Musiker eine groß angelegte Show mit schicken Lichteffekten, Liedern mit Hitpotenzial, aufgedrehten Musikern und irgendwann sogar Seifenblasen im ganzen Saal. Viel Applaus, Zugaben und zum Abschluss noch ein Liebeslied nur mit Gitarre und Gesang. Denkwürdig.

Die nächsten Veranstaltungen im Kulturzelt an der Drahtbrücke in der Fuldaaue in Kassel:

Mittwoch, 26. Juli:  Jacob Collier (GB)

Donnerstag, 27. Juli:  The Divine Comedy (IRE)

Freitag, 28. Juli:  Element of Crime (D)

Sonnabend, 29. Juli: Max Mutzke (D)

Sonntag, 30. Juli: Lucky Chops

Mittwoch, 2. August: Lambchop (USA)

Alle Konzerte beginnen um 19.30 Uhr. Tickets gibt es unter der Telefonnummer 0561/788060. Die Saison im Kulturzelt läuft noch bis zum 19. August. pek

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag