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„Biographische Detektive auf dem Holzweg“

Brief von Erich Kästner „Biographische Detektive auf dem Holzweg“

Manche sorgsam aufbewahrten Archivalien verliert man nach Jahrzehnten aus dem Sinn. Erst ein Anstoß von außen weckt die Erinnerung. So erging es der Göttinger Staatsanwältin Dagmar Freudenberg, als sie im Tageblatt vom Erich-Kästner-Abend mit Glenn Walbaum las.

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Mit dem Brief von Erich Kästner aus dem Jahr 1969: Dagmar Freudenberg.

Quelle: Schäfer

Da fiel ihr wieder ein, dass sie seit gut 41 Jahren eine handgeschriebene Briefkarte von Erich Kästner verwahrt, adressiert an Fräulein Dagmar Lücke in Emmerthal, datiert am 22.3.69. Jenes Fräulein Lücke, heute Frau Freudenberg, ging damals in die elfte Klasse des Viktoria-Luise-Gymnasiums in Hameln, zu dieser Zeit eine Mädchenschule. Im Deutschunterricht sollte sie ein Referat über ihren Lieblingsschriftsteller halten. Das war Erich Kästner. Sein Roman „Fabian“ hatte es ihr besonders angetan. Er wird auch heute noch zu den bedeutendsten Werken Kästners gerechnet.

Eine Frage ging der Gymnasiastin durch den Kopf: Gibt es Beziehungen zwischen diesem Roman und der Biographie des Autors? Diese Frage konnte niemand besser beantworten als Kästner selbst, der im Februar 1969 gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte. Fräulein Lücke fasste sich ein Herz, recherchierte Kästners Adresse in 8 München 27, Flemingstraße 52 („Ich weiß nicht mehr, wie ich das geschafft habe“) und stellte dem bewunderten Autor brieflich ihre Frage. Und tatsächlich, er schrieb zurück und entschuldigte sich sogar für die Kürze seiner Antwort, „weil mein 70. Geburtstag Brieflawinen provoziert hat“. An ihre Gefühle entsinnt sich Dagmar Freundenberg heute noch deutlich: „Ich war fasziniert, dass er überhaupt geantwortet hat. Und ich habe die Karte wie einen Schatz gehütet.“

Kästners Antwort ist sehr wohl auch im Jahre 2010 noch von allgemeinem Interesse. Er schreibt: „Also: vom ,nouveau roman‘ abgesehen, dürften wohl die meisten Romane realistischer und satirischer ,Machart‘ auch persönliche, wenn auch abgewandelte Elemente enthalten. Doch die diesbezügliche Neugierde der Leser erscheint mir ein bißchen kindlich. Was haben solche Bezüge mit der Qualität eines Buches zu tun? Wenn mich Kinder fragen, ob der ,Emil‘ usw. auch wirklich ,passiert‘ seien, kann das noch hingehen. Daß die Personen des Fabian und seines Freundes Labude Züge und Ansichten des Verfassers, wenigstens zum Teil, aufweisen, dürfte zutreffen. Da er sich und seinen inneren Widerstreit gut kennt, wird er als Erzähler davon Gebrauch machen. Daß er aus der Erzählung als Lebewesen rekonstruiert werden könnte oder gar sollte, hat mit literarischen Untersuchungen nichts zu tun. Ein gutes Buch ist ein gutes und ein schlechtes ist ein schlechtes Buch. Biographische Detektive sind auf dem Holzwege. Beste Grüße Ihr Erich Kästner.“

Das Programm „Kästners Glossen für Zeitgenossen“ mit Glenn Walbaum wird am Freitag, 20. August, um 20.15 Uhr im Apex aufgeführt.

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