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Bizarre Partyspiele auf dem Ausflugsdampfer

Premiere im Deutschen Theater Bizarre Partyspiele auf dem Ausflugsdampfer

Um die Sicherheit der Zuschauer zu gewährleisten, gehört seit 1889 der „Eiserne Vorhang“ als Brandschutzvorrichtung in jedes deutsche Schauspielhaus.

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Fiese Späße: Angestellte unter Strom (Philip Hagmann, links, und Dominik Bliefert).

Quelle: Wienarsch

Die neue Reihe „Hinter dem Eisernen“ gewährt den Besuchern des Deutschen Theaters (DT) Göttingen mit der Premiere von „Hauptsache Arbeit“ erstmals einen Einblick in diese Zwischenwelt.

Nach dem Gang durch die Hintertür, vorbei an Schaltpulten und Kabelage, grüßt an der Pforte zur Hinterbühne freundlich eine Matrosin: „Willkommen an Bord.“ Die Hinterbühne ist zum Schiffsdeck umfunktioniert, das Publikum mittendrin. Auf diesem „Vergnügungsdampfer“ soll in den nächsten 90 Minuten die Jahresparty einer Versicherungsgesellschaft gefeiert werden. Mit wenigen Mitteln haben Regisseurin Katja Fillmann und Ausstatterin Ramallah Aubrecht die enge Spielfläche durchdacht eingebunden. Der gesamte Raum ist Bühne, die Schauspieler agieren mit Gästen – lebhaft und dynamisch.
Der firmeninternen „Fahrt ins Blaue“ entgleitet allerdings schnell der Deckmantel des heiteren Festes, sie wird zum knallharten Kampf um den Arbeitsplatz. Der Chef (Lutz Gebhardt) kündigt Entlassungen an. Die anzugtragenden Büroratten klammern sich im Geiste noch an ihre Drehstühle, während sie schon gezwungen werden, jegliche Würde im als Spiel verniedlichten Wettstreit mit ihren Konkurrenten über Bord zu werfen.

Spielemoderator Frank Schäfer, brillant verkörpert von Karl Miller, inszeniert ein „Angst-Raten“, bei dem die Teilnehmer sich gegenseitig Stromstöße versetzen sollen, um ihre vermeintlich geschäftsschädigenden Verhaltensweisen aufzudecken. Bizarr-skurrile Momente wie dieser verfehlen ihre Wirkung auf die Zuschauer nicht. Es wird gelacht, es wird ungläubig geschaut.

Die Mitarbeiter, die von den Schauspielern mit interessanten Psychogrammen ausgestattet werden, schwanken, konfrontiert mit ihrem inhaltsleeren Leben, zwischen dem Wunsch nach Auslöschung und Selbstverwirklichung. Die Arbeit wird identitätsstiftend, obwohl Leistungsdruck und Konkurrenzkampf unerträglich scheinen. Selbst der Chef kann sich nur während des Beischlafs mit Frauen, denen er Papiertüten über den Kopf zieht, entladen: „Ich kann nicht einfach spazieren gehen, das ist mir zu langsam.“ Auch wenn die eigene Frau vom Bus überfahren oder der Hund von Kollegen vergiftet wird, per Motivationsimperativ fühlen sich die emotional versklavten Mitarbeiter ständig verpflichtet, optimistisch zu lächeln.

Die bissige und herrlich zynische Tragikomödie von Sibylle Berg liefert eine Antwortmöglichkeit auf die verstörende eingangs aufgestellte These: „Freiheit funktioniert beim Menschen einfach nicht.“ Diese komplexe Blaupause der Generation „Humankapital“ trifft den Zuschauer boshaft in die Rippen.
Die nächsten Vorstellungen: 2., 15. und 29. Oktober um 20 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05    51   /   49    69    11.

Von Anna Kleimann

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