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Brel im Selbstgespräch

„P(o)ur Brel!“ Brel im Selbstgespräch

Skizze eines engen Zimmers. Fensterreihe, Sessel, Schränkchen und Lampe. Die Jalousien sind heruntergezogen, der, der hier wohnt, hat der Welt den Rücken gekehrt: „Ich habe ein solches Bedürfnis nach Einsamkeit.“ Jacques Brel, fern der Zeit, in der er Konzerte gab, dem Tod umso näher, ist in „P(o)ur Brel!“ allein mit sich selbst.

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Bei der Probe: Simon, Merlin und Kenan (von rechts).

Quelle: Heller

Göttingen. Alexander Simon, Schauspieler am Thalia Theater Hamburg, verkörpert den Chansonnier.

Einziger Besitz sind alte Briefe, die eigenen, die den kleinen Schrank füllen. In ihnen wühlt Simon herum, fahrig, aufbrausend, grimassierend. Ein halt­loser Brel. Er blickt auf sein Leben als Musiker, Vater, Ehemann und Liebhaber zurück. Und sieht nur Unverständnis, erlittenes Unrecht, Desillusion. Zwischen Selbstekel und -mitleid lässt ein brillanter Simon seine Figur schwanken. Freude macht es nicht, jemandem zuzuschauen, der die Haltung verloren hat.

Vielleicht wäre es unerträglich geworden, würde nicht mit Sascha Merlin als zweitem Darsteller ein Gegengewicht geboten. Aufgeräumt, auch äußerlich, singt er als Brel mit einer Reinheit der Stimme, die der echte nie besessen hat und um die er sich nie bemüht hat. Kersten Kenan begleitet Merlin am Klavier. So zart und hingebungsvoll dessen Vortrag ist, so wärmend seine Interpretationen von „La Valse à Mille Temps“ bis „Amsterdam“ sind: In welchem Verhältnis sein Part zum Alter Ego innerhalb des Stückes steht, bleibt doch in der Schwebe.

Seit seiner Jugend, sagte Merlin einmal, beschäftige er sich mit Brel. Lernte französisch, um dessen Texte zu verstehen. Und als er später mit eigenen Liedern auftrat, da sang er auch immer seine Version von „Amsterdam“. Nichts wäre freilich unklüger von einem Musiker, als ein Vorbild zu imitieren. Wird seine Interpretation aber Teil eines Theaterstücks, braucht es klare Befestigung im Ganzen.

Auch Simon singt. Als seine Figur sich im Einklang befindet mit sich und mit der Welt, wenn auch auf traurige Weise. Auf der zur Insel umdekorierten Bühne, hierhin zog es den unruhigen Brel, obwohl schon lungenkrank, greift Simon zur Gitarre für „Le Plat Pays“: Das Insel­leben wird zum Sinnbild für die vielleicht einzige Geborgenheit, die Brel kannte:

„Bei diesem Wind von West,

hört zu, wie es sich quält

Mein flaches Land,

Oh, du bist mein.“

„Fantastisch gespielt“, hört man jemanden sagen. Nach 90 Minuten Kammerspiel, Bravo-Rufen und langem Applaus.

Von Telse Wenzel

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