Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Briefwechsel zwischen Rühmkorf und Raich-Ranicki in Buchform erschienen

Fein geschliffene Degen Briefwechsel zwischen Rühmkorf und Raich-Ranicki in Buchform erschienen

Hochliteratur und Großkritik vertragen sich nicht immer, das liegt am System. Doch der Lyriker Peter Rühmkorf und der Kritiker Marcel Reich-Ranicki haben einander geschätzt, auch wenn es manchmal Reibereien gab. Darüber gibt ihr Briefwechsel Auskunft, der im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen ist.

Voriger Artikel
Band Rauschenberger präsentiert Album im Göttinger Nörgelbuff
Nächster Artikel
Die Geschichte des Vogler-Quartetts: „Eine Welt auf 16 Saiten“

Höflich, aber unmissverständlich: der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Quelle: dpa

Göttingen. Der erste Brief stammt aus dem Jahr 1967. Reich-Ranicki, damals noch Feuilletonist bei der Zeit, bittet Rühmkorf, an einer Böll-Anthologie mitzuarbeiten.

Dazu ist es zwar nicht gekommen, doch von 1974 an wird die Korrespondenz häufiger. Reich-Ranicki ist nun Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), in der nicht nur Rezensionen erscheinen, sondern auch die „Frankfurter Anthologie“, eine Serie von Gedichten mit Interpretationen. Auf beiden Feldern wird Rühmkorf tätig.

Vor allem darum geht es inhaltlich. Reich-Ranicki macht Themenvorschläge, bittet Rühmkorf um Einhaltung der Termine, zeigt dabei viel Geduld. Wenn Rühmkorf allzu säumig ist, platzt ihm der Kragen – was er höflich, aber unmissverständlich formuliert. Auch Rühmkorf bringt sich ein, hat nicht immer Glück mit seinen Ideen, aber Reich-Ranicki hält sehr viel von ihm als Schreiber und Interpret.

Der Leser erfährt viel über die literarischen Vorlieben der Briefpartner, etwa, dass Rühmkorf Arno Schmidt höher einschätzt, als dies Reich-Ranicki tut, dass sie beide von Gedichten Brechts schwärmen. Der historische Abstand zur Gegenwart wird deutlich, wenn beide von jetzt schon fast vergessenen Dichtern begeistert sind, etwa Cäsar Flaischlen oder Karl Krolow. Nicht nur dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.

Bis zum Jahr 2006 reicht die Korrespondenz, die 287 Briefe umfasst. Dafür, dass dies keine trockene, sondern eine fast durchweg unterhaltsame und spannende Lektüre ist, bürgt die glänzende Qualität beider Schreiber, die ihre Kämpfe immer mit besonders fein geschliffenen Degen ausfechten, gern mit Ironie, immer mit Charme.

Und trotz aller Auseinandersetzungen ist im Hintergrund immer die gegenseitige Wertschätzung spürbar, die fast zu einer Freundschaft hätte wachsen können. Der Band ist hervorragend mit Register, Werkverzeichnissen und einem Nachwort sowie den Rühmkorf-Texten aus der FAZ, die nicht später nachgedruckt worden sind, erschlossen. Die gründlichen Kommentare geben Antwort auf fast jede erdenkliche Frage.

Marcel Reich-Ranicki, Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel, herausgegeben von Christoph Hilse und Stephan Opitz. Wallstein Verlag Göttingen, 335 Seiten, 22,90 Euro.

Beim 24. Göttinger Literaturherbst stellen am Dienstag, 13. Oktober, Jan Philipp Reemtsma und Joachim Kersten dieses Buch vor. Beginn ist um 19 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9.

  Von Michael Schäfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff