Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Brutal und real: Katastrophen statt Mutterleib

Kabarett mit Christian Ehring Brutal und real: Katastrophen statt Mutterleib

Elmar Stelzwedel kommt nicht mehr klar. Einst Nachrichtenmann, Fernsehfuzzi mit Kontakt zur Macht, ist er jetzt arbeitslos. Und die Wirklichkeit stürzt ungefiltert auf ihn ein. Der Kabarettist Christan Ehring hat im Göttinger Apex sein Programm um einen Nachrichtensprecher, der rot sieht, gezeigt.

Voriger Artikel
Fünf Kilogramm gepresste Ölfarbe
Nächster Artikel
Mit Gambe und Harfe: Spuren des 16. Jahrhunderts

Ein Nachrichtensprecher vor dem Aus: Kabarettist Christian Ehring im Apex.

Quelle: Peter Heller

Plötzlich ist Elmar Stelzwedel nicht mehr der mit den Antworten, sondern hat Fragen: Gehört Michael Glos aufs Gymnasium? Wie geht Obama auf deutsch? War Kohl ein Fehler in der Matrix? Christian Ehring, künstlerischer Leiter des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, mimt den Gestrauchelten in seinem Programm „Anchorman – ein Nachrichtensprecher sieht rot“. Alles rauslassen empfiehlt sein Therapeut, und das tut er: Den ganzen Frust über Politik, Wirtschaft und das Leben an sich. Ulla Schmidt ist „vom Sound her wie ganzjährig Karneval“, die wahren, gefährlichen Parallelgesellschaften Handwerker, Lehrerkollegien und Sauerländer. Immer wieder, natürlich, die Krise: „Ich bräuchte jetzt ganz dringend eine WM: Vier Wochen grundlose Euphorie!“ Wenn der gescheiterte Macher Stelzwedel sich zu sehr hineinsteigert, spaltet er sich und dialogisiert mit seinem Therapeuten, der Chefin oder dem Job-Vermittler. Wird es persönlich, sackt er verzweifelt im Sonnenstuhl zusammen und erzählt von seiner Ex-Freundin Moni oder Bin Laden in Strapsen. Dann wieder setzt er sich ans Klavier und singt: Zum Beispiel, herrlich rheinisch, ein Karnevalslied über die Taliban – „wenn der Muselmann erst schunkeln kann, dann wird die Welt ganz friedlich sein“.

Mit seinem Nachrichtensprecher hat Ehring eine Figur erschaffen, die einen fast kindlichen Blick auf die Welt hat: Aus dem schützenden Mutterleib des Fernsehens, in dem er die Fäden der Katastrophen in der Hand hatte, hinaus in die brutale Realität, in der sie ihn plötzlich persönlich betreffen. Sein ungläubiges Verzweifeln an den unüberschaubar vielschichtigen Problemen der Welt zeigt das absurde im Alltäglichen, an das man sich zu sehr gewöhnt hat, um es wahrzunehmen. Und, nicht zuletzt: Ehring macht einfach großartiges, spitzzüngiges, in gesundem Maße albernes Kabarett, das ihm ständigen Szenenapplaus und ausuferndes Lachen einbringt. Helge Dickau

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

Fotografie-Ausstellung „In saeculo lux“ in der Galerie Ahlers