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Buchpreisträger Menasse liest im Alten Rathaus

Göttinger Literaturherbst Buchpreisträger Menasse liest im Alten Rathaus

Buchpreise seien Anerkennung seiner Arbeit - und auch das Preisgeld freue ihn. Das Publikum lacht, als Robert Menasse mit subtilem Witz erzählt, was ihm der Deutsche Buchpreis bedeute. Es folgten weitere amüsante Momente an diesem Abend. Menasse las im Göttinger Literaturherbst.

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Bei der Lesung in Göttingen: Menasse.

Quelle: Swen Pförtner

Göttingen. Zur ersten Lesung seit der Verleihung dieser Auszeichnung für seinen neuen Roman „Die Hauptstadt“ bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse kam der Österreicher am Sonnabend zum Göttinger Literaturherbst ins Alte Rathaus.

Wenn der Schriftsteller Menasse spricht, hört man immer auch ein bisschen den studierten Philosophen und Politikwissenschaftler. Das kommt dem komplexem literarischen Sujet seines neuen Romans zugute: der Europäischen Union und der inoffiziellen Hauptstadt Brüssel. Im Gespräch mit Stephan Lohr berichtet der Autor von der Entstehung des 459 Seiten starken Werks. 2010 sei ihm bei einem Glas Rotwein bewusst geworden, dass er Zeitzeuge einer Revolution sei – einer Epoche, in der in einer einzigen Stadt die Rahmenbedingungen Europas festgelegt werden. Zwei Wochen später sei er nach Brüssel geflogen – er nennt die Stadt „Maschinenraum der EU“ –, um sich eine Wohnung zu mieten und vier Jahre im Milieu der Europäischen Kommission zu recherchieren. Er wird Eingeweihter der Arbeit und des Denkens der dortigen Beamten. Erste Früchte seiner Arbeit sind Essays und Vorträge. Seine Lektorin lenkt ihn jedoch zu seiner Ursprungsidee zurück: einem Roman über Europa und die EU. Für den Schriftsteller ist dies letztlich eine Erfüllung: Wie jeder Autor suche er nach dem Prägenden seiner Epoche.

Klarheit und Präsenz

Robert Menasse hat Charisma und strahlt auf der Bühne positive Klarheit und Präsenz aus. Er hat den Habitus des Intellektuellen und bezeichnet sich selber als Romancier, als jemand, der Erzählen möchte. Aber ganz so eindeutig ist dies stilistisch nicht. Was seinen neuen Roman auszeichnet, ist das stete Changieren zwischen Erzählung, Krimi, Witz und politischen Pointen. Gerade dies macht sein Werk so unterhaltsam, das spürt man an diesem Abend – nur, dass dem Leser auch mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Drei Ausschnitte aus seinem Roman liest der 63-Jährige mit lebendiger Stimme. Es ist schön ihm dabei zuzuschauen: Mit seinen Händen illustriert er den Text, setzt nonverbale Akzente, weist mit dem Zeigefinger in eine Richtung, zeigt den Rhythmus eines Satzes, betont Passagen. Der in Wien geborene Autor schreibt anschaulich, detailreich, pointiert und humorvoll. Die Zuhörer amüsieren sich immer wieder.

Staatsbürger Europas

Gegen Ende der Lesung bezeichnet sich Menasse als Citoyen/Staatsbürger und in Bezug auf Europa nicht als Optimist, sondern als Realist. Der überzeugte Europäer möchte er den Nationalismus der einzelnen Staaten überwinden. Alle Probleme der EU seien heutzutage transnational und es gelte die europäische Idee zu verteidigen, aber die gegenwärtige Form zu kritisieren. Warmherziger und begeisterter Applaus des Publikums für einen Autor, der mit seinem Europa-Roman genau zum passenden Moment kommt - einer Zeit politischer Krisen in der Europa sich neu erfinden muss.

Von Udo Hinz

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