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Buchpreisträger Vesper liest aus "Frohburg"

Lesung im Alten Rathaus Buchpreisträger Vesper liest aus "Frohburg"

Rappelvoll war das Alte Rathaus am Montag, als Guntram Vesper auf Einladung des Literarischen Zentrums seinen Roman „Frohburg“ vorstellte. Im März ist Vesper für sein 1000-Seiten-Werk mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden. Mit auf dem Podium: der Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden.

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Göttingen. Das Buch entfalte sowohl ein autobiografisches Panorama als auch „erfundene Wirklichkeiten“, befand Wallmoden eingangs und verwies auf das von Vesper vorangestellte Fontane-Zitat „Für etwaige Zweifler also sei es Roman!“ Vesper las einen längeren Abschnitt aus dem Beginn: eine Episode über die Erschießung von Bewohnern des obereichsfeldischen Dorfes Küllstedt in der frühen Nachkriegszeit. Sie hatten in der irrigen Meinung, es handele sich um plündernde Polen, Soldaten der Roten Armee angegriffen und waren dafür drakonisch bestraft worden.

Lebendiger Blick auf die literarische und philosophische Szene

In der zweiten vorgestellten Episode berichtete der 74-jährige Schriftsteller, wie er den Nachlass seines Bruders sichtete, Zehntausende von Büchern, darunter antiquarische Schätze, etwa signierte Erstausgaben. Hinter dem autobiografischen Bericht leuchtet dabei etwas anderes hervor: Vespers überaus lebendiger Blick auf die literarische und philosophische Szene der späteren Nachkriegszeit, auf Günter Eich, Uwe Johnson, Günter Grass, Ilse Aichinger oder Ernst Bloch, aber auch auf Karl May, auto-motor-sport-Hefte oder Western von Heyne. Dazwischen taucht dann Meißner Porzellan auf, elterliches Erbgut, auch Guntram Vespers längst verloren geglaubter Kofferplattenspieler, schwarz-rot gestreift, von Quelle, Weihnachtsgeschenk 1958.

Vesper las im Chronistenton, äußerlich kaum bewegt von den schrecklichen Dingen, die er – wie alle Ereignisse in diesem Werk, ob erlebt oder erfunden – akribisch recherchiert hat. Er erzählt in einem äußerlich kaum gegliederten Geschichtenfluss, springt dabei zeitlich vor und zurück, macht „Schleifen“, wie es Wallmoden beschreibt. Vesper: „Die Kunst besteht darin, dass man rechtzeitig zurückkommt“.

Treffen mit dem Autor Walter Kempowski

Auf Vorschlag von Wallmoden bot Vesper noch eine witzige Episode über ein Treffen mit dem Autor Walter Kempowski mit gemeinsamem Menü im Nobelrestaurant des Burghotels Hardenberg. Das amüsierte das Publikum sehr –auch den lesenden Autor, der manches Ereignis mit zusätzlichen Erinnerungen kommentierte und damit für weiteren Spaß sorgte.

Wenigstens eine Ahnung von dem riesigen Geschichten- und Geschichtspanorama, das dieser faszinierende Roman bietet, konnte der Abend vermitteln. Wie genau Vespers Gedächtnis arbeitet, war bei der anschließenden Signier-Zeremonie zu erleben: Eine Göttingerin überraschte ihn mit einem Buch, das er für sie vor 44 Jahren signiert hatte. Vesper: „Sie heißen doch Brigitte?“ Es stimmte.

Guntram Vesper: Frohburg. Roman. 1002 Seiten, Schöffling Verlag, 34 Euro.

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