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Bühnenshow in der Musa Göttingen erinnert an den Philosophen Marcuse

Luft von anderen Planeten Bühnenshow in der Musa Göttingen erinnert an den Philosophen Marcuse

Das Trio Thomas Ebermann, Robert Stadlober und Andreas Spechtl erinnert mit der großen Bühnenshow „Der Eindimensionale Mensch wird 50“ an den Philosophen, Politologen und Soziologen Herbert Marcuse (1898-1979). Präsentiert haben sie das jetzt im Großen Saal der Musa.

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Andreas Spechtl, Sänger der österreichischen Band „Ja, Panik“ während der Aufführung „Der Eindimensionale Mensch wird 50“.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Nach Einführung zur Person Marcuse von Akteur Thomas Ebermann, zieht sich dieser zurück und überlässt die Bühne seinen Musikern. Mitschnitte von Reden Marcuses werden mit sphärischen Elektroklängen vermischt. Manchmal spielen sie gelangweilt, fast entnervt, dann wieder aufrührerisch, wütend. Dazu werden immer wieder Filme aus Marcuses Leben eingeblendet: Wie der Professor in einer augenscheinlich US-amerikanischen Kleinstadt umherwandert. Oder Marcuse umringt von Studenten. Stadlober trägt immer wieder Passagen aus „Der eindimensionale Mensch“ vor. Das zieht sich manchmal extrem in die Länge, und viel geht im Lärm der Musik unter. Das sahen wohl auch einige Besucher so – nach nicht einmal zwei Stücken verließen doch auffällig viele Menschen den Raum.

 
Erfrischend sind die kurzen, auf Englisch vorgetragenen Diskussionen ohne Musikunterlegung zwischen Marcuse, gespielt von Stadlober, der den deutschen Akzent Marcuses großartig wiedergibt, und einem Gesprächspartner. Erholung fürs Ohr bieten auch die zwischenzeitlich recht ruhigen Gitarrensongs. Wenn die Musiker mit stumpfer Lethargie „Ich halt das alles aus“ oder „Ich spüre Luft von anderen Planeten“ singen, spiegeln sie Marcuses Kapitalismuskritik wider.

 
Marcuse veröffentlichte sein Buch „Der eindimensionale Mensch: Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“ im Jahre 1964, gerade zum Zeitpunkt der Studentenunruhen und der sich neu formierenden Linken in Deutschland. Der als Sohn einer jüdischen Familie in Berlin geborene Philosoph immigrierte 1933 in die USA. Er analysierte in seinem Werk die „Manipulation des Individuums“ und seine „Instrumentalisierung durch die suggestive Kraft der Konsumwerbung“. Das Individuum werde glücklich durch den Konsum und identifiziere sich daher auch mit dem System. Diese „totale“ Verführung führe zu einer „Gesellschaft ohne Opposition“. Wenn die überwältigende Mehrheit ihren Sinn im Wareneinkauf gefunden habe, existiere quasi keine Gegnerschaft mehr. Bei Betrachtung des Umgangs vieler Menschen mit Facebook, Twitter und Co in der heutigen Zeit drängt sich der Verdacht auf, Marcuses Konsumkritik sei noch sehr aktuell.

 
Das Bühnenprogramm der Geburtstagsfeier stammt von einem, wie er sich selber gerne nennt, letzten Querulanten Deutschlands, Ebermann. Der in Hamburg geborenen Publizist und Theatermacher betreibt seit etwa zehn Jahren die Vers- und Kaderschmiede im „Politbüro Hamburg“. Schon in früheren Projekten arbeitete er mit den Schauspielern, die nun auf der Bühne stehen: Stadlober, bekannt aus den Filmen „Crazy“ und „Sonnenallee“, und Spechtl, Sänger der österreichischen Band „Ja, Panik“.

 

Von Sebastian Wels

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