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Chansonabend im Jungen Theater Göttingen

Karsten Zinser singt Lieder von Jacques Brel Chansonabend im Jungen Theater Göttingen

Als Jacques Brel 1978 starb, wurde Karsten Zinser gerade geboren. Ein ganzes Menschenleben also liegt zwischen dem legendären belgischen Chansonnier und seinem Interpreten. Zinser, Schauspieler am Jungen Theater, hat am Sonntag vor gut 50 Zuschauern einen Abend mit 16 Chansons von Brel gegeben. Sein kongenialer Klavierpartner war Tobias Schwencke.

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Kongeniale musikalische Einheit: Pianist Tobias Schwencke und Brel-Interpret Karsten Zinser.

Quelle: Heller

Göttingen. Zinser befasst sich, so steht es in seinem Lebenslauf, bereits seit sieben Jahren mit Chansons. Brel steht dabei an erster Stelle.

In der Tat hat die Faszination, die diese rauen, zärtlichen, melancholischen, bärenstarken, frechen und liebevollen Lieder ausstrahlen, auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung nicht nachgelassen. Dass dies keine bloße Vermutung ist, zeigt die große Zahl von Sängern, die Brels Chansons interpretiert haben und interpretieren, in Deutschland etwa Gisela May, Hildegard Knef, Konstantin Wecker und Klaus Hoffmann, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zinser ist etwas hagerer als Brel, tritt im Anzug auf, aber beileibe nicht geschniegelt, trägt Turnschuhe, die langen Haare fallen ihm manchmal vors Gesicht. Er singt die Lieder französisch – nicht unbedingt perfekt in der Aussprache, aber ausgesprochen flüssig. Schließlich gibt die Musik ja das Tempo vor.

Und damit die Zuhörer den Sinn verstehen, erzählt er einleitend die Geschichten: von Marieke aus dem flachen Flandernland, für die sein Herz immer noch brennt, von den alten Liebenden, die inzwischen Krieg miteinander führen, aber einen zarten, von Madeleine, auf die er hofft, vom unbarmherzigen Leben, das diejenigen trennt, die sich lieben.

Zinser reißt bisweilen seinen Mund weit auf, bleckt die Zähne, zieht die Lippen schief herunter, lächelt gewinnend, produziert hier ganz zarte Töne, um dort später verzweifelt zu schreien, zu weinen, seine Wut ungehemmt herauszulassen. Sein Ausdrucksspektrum reicht weit – und nirgends hat man den Eindruck, er wolle Brel imitieren. Was Zinser singt, ist Zinser.

Und was Tobias Schmincke auf dem JT-Klavier dazu an Klang produziert, ist phänomenal. Derart viele Farben aus dem vergleichsweise simplen Instrument hervorzuzaubern, ist hohe Kunst. „Mein Orchester“ titulierte Zinser seinen Partner. Recht hat er.

Von „Jacky“ über „Marieke“, „Vesoul“, „Jef“, „La chanson des vieux amants“, „Fernand“ bis „Madeleine“ und „Ne me quitte pas“ reicht Zinsers Repertoire, um nur einige Beispiele zu nennen. Bei „Les Bonbons“ bezieht er galant eine Zuhörerin aus der ersten Reihe in sein Spiel ein, die sich das sichtlich gern gefallen lässt (auch wenn Zinser sie am Ende schnöde verstößt).

Das einzige Chanson, das nicht von Brel stammt – Zinsers Rätselfrage an das Publikum bleibt unbeantwortet – ist „Les feuilles mortes“ von Yves Montand.

Zwei Zugaben sind der Dank für den begeisterten Beifall der Zuhörer, zum guten Schluss der wunderbare Brel-Hit „Port d’Amsterdam“. Sollten Zinser und Schmincke dieses Programm noch einmal präsentieren, hätten sie auf jeden Fall ein volles Haus verdient.

Von Michael Schäfer

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