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Charlotte Schwab liest „Briefsteller“ im Alten Rathaus Göttingen

Schischkins Roman Charlotte Schwab liest „Briefsteller“ im Alten Rathaus Göttingen

Jede tiefe seelische Verbindung zu einem anderen Menschen eröffnet Räume, durch deren Türen nur die Beteiligten gehen können.

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Facettenreich: Charlotte Schwab verkörpert Sascha von der verspieltgen Jugendlichen bis hin zur reifen Frau.

Quelle: Vetter

Göttingen. Vielen Liebespaaren der Weltliteratur – seien es nun Romeo und Julia oder Ferdinand und Luise – bleibt bei allen Widrigkeiten, verursacht durch Familienfehden oder gesellschaftliche Hindernisse, nur der Tod als Tür zum Raum der Vereinigung, als ihr „Land der Liebenden“.

Eine solche Figuren-Konstellation prägt auch den preisgekröntehn Roman „Briefsteller“ von Michail Schischkin. Zusammen mit der aus Theater, Film und Fernsehen bekannten Schauspielerin Charlotte Schwab brachten Stefan Dehler und Christoph Huber von den „Stillen Hunden“ den Roman als szenische Lesung auf die Kultursommerbühne des Alten Rathauses.

Die beiden durch Krieg voneinander getrennten Protagonisten aus Sascha und Wolodja, schreiben sich Briefe, sie von daheim, er aus dem Kampf gegen chinesische Rebellen im sogenannten Boxeraufstand Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Mit dir bin ich ich“

Sie halten die Erinnerung aneinander wach, geben sich Halt. Die große räumliche Distanz lässt sie offener werden, ermöglicht einen innigen, intimen Austausch zwischen der weiblichen Welt Saschas daheim in Russland und der grauenhaften Männerwelt des Krieges.

„Mit dir bin ich ich“, schreibt Sascha ihrem Wolodja, den sie selbst nach seinem Tod fürs Vaterland nicht verliert. Er bleibt ihr Ansprechpartner, ihr Lotse durch die Untiefen des Lebens, jemand, den sie schreibend am Leben erhält.

Facettenreich verkörperte Schwab mit ihrer tiefen, rauen Stimme sowohl die jugendlich verspielte Sascha, als auch die gesamte Entwicklung zur reiferen Frau, die sich ohne ihre erste große Liebe durchs Leben kämpft.

Schmaler Grat zur Rührseligkeit

Barfuß wandelt sie über die – das Moment der Vergangenheit betonende – mit weißen Tüchern verhüllte Bühne, die sie mit ihren Briefen (oder Leseblättern) bedeckt. Die Briefe sind alles, was bleibt. Hinter einem weißen Stoff steht ihr Liebster, ewig jung und lebendig, ihr ewig nah.

Darsteller und Lesende wandeln zuweilen mutig aber gekonnt auf dem schmalen Grat zur Rührseligkeit. So manche Szene geht in ihrer detaillierten Beschreibung und schonungslosen Darstellung an die Schmerzgrenze, so zum Beispiel der Verlust von Saschas Kind.

Bedrückende Momente, zu der die Hitze im Raum ihr Übriges tut. Aber auch ohne diese Hitze hätte der „Briefsteller“ wohl kaum jemandem an diesem Abend kalt gelassen, und man geht mit dem sehr dringlichen Gefühl, endlich mal wieder einen aufrichtigen, inhaltsvollen Brief an einen lieben Menschen schreiben zu müssen. Zur Krönung vielleicht sogar mit Tinte auf Papier.

Von Marie Varela

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