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Der Chauffeur der Kanzlerin

Michael Frowin beim Kultursommer im Alten Rathaus Der Chauffeur der Kanzlerin

Bayrische Marschmusik ertönt, als Kanzlerchauffeur Michael Frowin am Sonntagabend gestresst telefonierend die Bühne im Alten Rathaus von Göttingen betritt. Daniela Katzenberger habe eben in die Kanzlerlimousine gekotzt, teilt er seinem Gesprächpartner verzweifelt mit.

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Quelle: NR

Den Rest des Abends wird der Comedian damit verbringen, die Limousine reinigen zu lassen und versuchen, sie rechtzeitig wieder vor dem Berliner Outlet zu parken, in dem seine Chefin Angela Merkel an diesem Abend eine Runde shoppen geht. Es wird ihm nicht gelingen. Am Ende fährt Merkel mit der Tram nach Hause und die Limousine ist mit Daniela Katzenberger auf dem Weg nach Tadschikistan. Doch eigentlich ist Frowin viel mehr damit beschäftigt, die SMS seiner Chefin zu lesen, die ihr Handy bei ihm vergessen hat. Und sie ab und zu ziemlich unseriös zu beantworten. Er korrespondiert mit den Ministern Peter Altmaier, Ursula von der Leyen und vielen anderen Größen der deutschen und internationalen Politik. Zum Beispiel mit Russlands Putin, der Merkel per SMS seine Idee unterbreitet "einen Giftgasangriff gegen den IS zu organisieren. Das heißt, VW-Autos nach Syrien schicken". Das Publikum bricht in lautes Gelächter aus. Und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz versucht Merkel einzuschüchtern: "Ich bin mit mittlerer Reife Präsident Europas geworden, du mit Doktortitel nur Bundeskanzlerin von Deutschland. Was glaubst du, was passiert, wenn ich vor der Wahl noch mein Abi nachhole?"

Der Forderung der CSU,  Migranten sollten auch zu Hause Deutsch sprechen, nimmt Frowin den Wind aus den Segeln, indem er auf Bayrisch, Hessisch und Sächsisch herum schwadroniert - grammatikalisch alles andere als korrekt und oft nicht mehr als Deutsch erkennbar. Das gefällt Zuschauerin Agnes Bleile: "Ich habe gar nicht erwartet, dass er in so viele verschiedene Rollen schlüpft, das finde ich gut. Anhand der verschiedenen Dialekte hält er uns Zuschauern mal den Spiegel vor."

Frowin, Jahrgang 1969, stammt aus Marburg und ist Schauspieler und Kabarettist. Außerdem ist er für Kabaretts, unter anderem in Berlin (Die Distel), Dresden (Herkuleskeule) und Leipzig (academixer) als Autor und Regisseur tätig. Seit 2007 ist er Künstlerischer Leiter des Hamburger Theaterschiffs  „Das Schiff“. Bekannt ist er aus der MDR-TV-Satire  "Kanzleramt Pforte D". Mit seiner Show "Einpacken, Frau Merkel!" ist er seit zwei Jahren auf Tour.

Dem Comedian liegen nicht nur pfiffige Pointen am Herzen, sondern auch aktuelle und kritische Inhalte. Besonders aufs Korn nimmt er die Konsumsucht der Menschen und die Geldgier großer Unternehmen wie Nestlé und Nespresso. Er schlüpft in die Rolle seines Bekannten Gunnar, eine möchtegern jungebliebene Rampensau mit hochgeschobenen Hemdsärmeln und Hipsterbrille. Gunnar erklärt Frowin die trendige Welt der Foodindustry und entlarvt Smoothietrinker als "Kochlegastheniker, die Unkraut von der Verkehrsinsel zu Rohkostemotionen verarbeiten." Das Publikum krümmt sich vor Lachen. Er zieht über die "Lifestyle-Kaffeekapseln" von Nespresso her, deren übertriebene Preise und die Unmenge an Müll, die sie verursachen. Auch Lebensmittelriese Nestlé, der Wasser zum Luxusprodukt erhebt, bleibt nicht verschont. "Atmet noch mal tief ein und genießt es, die Luft umsonst zu bekommen. Bald wird Nestlé auch Sauerstoff in Flaschen verkaufen!", warnt Frowin das Publikum. Jutta und Detlef Sist, beide 65, gefällt, das die Show "tiefgründig ist und alles einen wahren Hintergrund hat."  "Es ist fürchterlich, dass Nestlé ein so wichtiges Lebensmittel wie Wasser fürs Geschäft benutzt und sich nicht dafür schämt", empört sich das Ehepaar.

Auch an "Helikoptereltern" lässt der Comedian kein gutes Haar. Er erzählt von "paramilitärischen Schulwegpanzern", wie sie früher im ugandischen Urwald benutzt wurden. "Aber nein, damit werden heutzutage neunjährige Mädchen zum Flötenunterricht gefahren, als könnte ein Bison in Göttingen etwas dagegen haben. " 

Von Gwendolyn Barthe

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