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„Complete Control“ im Göttinger Apex zeigt Überwachungsmaßnahmen

Ausstellung „Complete Control“ im Göttinger Apex zeigt Überwachungsmaßnahmen

Dem Thema Überwachung widmet sich die Ausstellung „Complete Control“, die am Sonntag, 22. März, im Göttinger Apex eröffnet wurde. Zu sehen sind Installationen von sechs Künstlern.

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Interaktives Video: „L’hôtel des Sapins“ von Simon Senn in der Apex-Ausstellung „Complete Control“.

Quelle: Peter Heller

Seit 1982 steht der Song „Polizei SA/SS“ der Punk-Band Slime auf dem Index. Polizisten werden darin als moderne Nazis benannt, die sich von der Politik für dumm verkaufen lassen. Diego Castro hat das Lied für die Ausstellung „Complete Control“ im Göttinger Apex in seiner Installation in fünf Tonspuren zerlegt, aus fünf Lautsprechern tönen unterschiedliche Fetzen. Trotzdem sind die Fragmente „KZ“, „Polizei“, „SA/SS“, dazu Punkrock und etwas, das klingt wie Drum’n’ Bass, versetzt zu hören. 

Zerstückelt, zerfasert, in subversiver Zersetzung ist möglich, was im Gesamtzusammenhang zu bedrohlich wirkt. Dabei bleibt auch im scheinbar zufälligen Nebeneinander die diskursive Verankerung in der Nähe von historischen wie gegenwärtigen Gewaltapparaten anklagend bestehen. 

Gläserner Kubus

Als wäre es ihr Soundtrack, sind nackte junge Menschen mit schwarzen Strumpfmasken in einem leer stehenden Gebäude unterwegs. Sie bewegen sich in den fensterscheibenlosen, zum Teil mit Schnee bedeckten kahlen Innenräumen, die ursprünglich als Herberge geplant waren: „L’hôtel des Sapins“. Jeder von ihnen ist mit technischem Gerät ausgestattet, einer Kamera, zwei zusammengeleimten Aufnahmegeräten, einem Laptop. Der Betrachter partizipiert per Fernbedienung: Er schaltet in verschiedene Räume und auf die Kameras um. Die Körper sind  durchnummeriert. Die abgezählte Nacktheit ruft Befremden und Assoziationen auf, das leichtfüßige Umeinander wird von Beklemmung konterkariert. Die Anonymität der Strumpfmasken widerspricht der Körperlichkeit der Aufnahmen. Nackt herumgetriebene Menschen mit Zahlen auf der Haut lassen den Holocaust assoziieren. Grausamkeit, Grenzüberschreitungen und Gewalt sind aus dem Hotel nicht wegzudenken, durch die dauerhafte Aufzeichnung unausweichlich.

Kurator Christian Schindler, der die Arbeiten von Stephan Dillemuth, Simon Senn, lf Aminde, Diego Casto, Francis Zeischegg und Tanja Ostojic für die Ausstellung zusammengestellt hat, versteht es, die Räume des Apex sich und vor allem der Kunst anzueignen. Statt Grafik an Blattsalaten zu zeigen, verzichtet er auf die Bespielung der Gasträume. Der Platz wird in großer Dichte bespielt, die Arbeiten korrespondieren miteinander. 

In Dillemuths Arbeit könnte jedenfalls jeder Winkel zu sehen sein. Fünf Kameras und eine Vielzahl von Plastik-Zahnrädern, angeordnet in einem gläsernen Kubus, könnten eine komplette Überwachung gewährleisten. Doch nur selten sind die Personen, die den vorderen Raum des Apex betreten, auf dem Bildschirm zu sehen. Statt totaler Überwachung findet hier die Überwachung der Überwachung statt. Die Kameras filmen im geschlossenen System, statt das Außen aufzunehmen. Doch was vermittelt sich mit dieser Installation? Es kann die richtige Botschaft nicht sein, offenbar eher die mangelnde Qualität und fehlende Professionalität und auch Sinnlosigkeit der Überwachung zu kritisieren denn diese selbst. 

Sinnlich erfahrbar

Beim Thema Überwachen darf der Bezug zu Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ nicht fehlen. Francis Zeischegg gibt drei Beobachtungstürme, die die Maße des Menschen zum „Masz der Dinge“, so der Genfer, erheben. Die Maße des Menschen sind Bedingung, die Möglichkeiten von Beobachtung sind vielfältig. Ein Projekt mit Schülern zeigt die Einbindung in den Apparat: Sie zimmern einen Turm und sind schnell die Observateure. 

Überwachung ist ein Thema, das ob seiner Allgegenwärtigkeit in die Gefahr gerät, schnell zu langweilen, ein Thema, wogegen Proteste manchmal unmöglich oder müßig scheinen. Das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen gebiert immer wieder neuen vermeintlichen Anlass für die Ausweitung der Maßnahmen. Gegenwehr allerorten ist darum gut um jeden Preis. Aufmerksamkeit und Sensibilität sind kostbar, einmal mehr, wenn sie, wie im Apex, auch einmal für andere Gruppen lesbar, gut zugänglich und auch sinnlich erfahrbar sind. 

„Complete Control“ im Apex, Burgstraße 46 in Göttingen, noch bis zum 3. Mai mittwochs bis freitags 15 bis 19 Uhr, sonnabends 11 bis 16 Uhr. 

                                                                                                                                  Von Tina Lüers

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