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Dänische Autorin Teller stellt ihre Gedankenexperimente vor

In Göttingen Dänische Autorin Teller stellt ihre Gedankenexperimente vor

Es sind hauptsächlich Gastarbeiter aus Tunesien und Ägypten, die derzeit vor den Angriffen der Truppen von Muammar al-Gaddafi aus Libyen in ihre Heimatländer fliehen. In vielen Flüchtlingscamps hausen Menschen dicht aneinandergedrängt, oft in provisorischen Zelten und Verschlägen. Einige zieht es weiter fort, sie steuern mit Fischerbooten Mittelmeerinseln wie Lampedusa oder Malta an. Doch Flüchtlinge sind nicht immer willkommen.

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Autorin: Janne Teller.

Quelle: dpa

In dem Jugendbuch „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ versucht die dänische Autorin Janne Teller das Unvorstellbare vorstellbar zu machen – mit einem schlichten Perspektivwechsel. In der Erzählung, die bereits 2001 in dänischer Originalfassung erschien und nun in deutscher Sprache zu haben ist, sind es Deutsche, die vor den Folgen eines Krieges in ihrem Heimatland nach Ägypten flüchten. Janne Teller kennt die Vielschichtigkeit der Flüchtlingsthematik. Sie arbeitete lange als Konfliktberaterin für die EU und die UN in verschiedenen Krisengebieten, bevor sie sich im Jahr 1995 ausschließlich der Schriftstellerei widmete.

In der Erzählung „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ zeichnet die Autorin ein Schreckensszenario: Nachdem Deutschland aus der EU ausgetreten ist, brechen nach und nach die demokratischen Staaten zusammen, faschistische Diktaturen entstehen. Schließlich bricht zwischen Spanien, Frankreich, Griechenland und Deutschland ein Krieg aus. Eine Gleichschaltungspolizei macht Jagd auf ehemalige Politiker. „In der neuen Welt darf niemand mehr Demokrat sein“, heißt es in dem Buch.

Auf Gedankenexperimente versteht sich Janne Teller. Mit ihrem Jugendbuch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“, das in der dänischen Fassung im Jahr 2000 erschien, löste sie kontroverse Diskussionen aus: Die Hauptfigur Pierre Anthon steigt eines Tages auf einen Baum und verkündet seinen Klassenkameraden die Sinnlosigkeit des Lebens. Diese fühlen sich provoziert und treffen sich fortan regelmäßig, um das abzuliefern, was ihnen wichtig ist und was zu verlieren sie schmerzt.

In „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ ist der Alltag von Angst, Hunger und Kälte dominiert. Die Familie des 14-jährigen Protagonisten haust in einem Keller. Die Mutter leidet an einer Bronchitis, der Bruder verlor durch eine Mine drei Finger, Granatsplitter verletzten die kleine Schwester am Kopf, die Großeltern starben bei einem Bombenangriff. Schließlich gelingt den Überlebenden die Flucht. Sie finden Obhut in einem ägyptischen Flüchtlingslager.

Manchmal wirkt der Perspektivwechsel etwas konstruiert. Schablonenhaft überträgt Teller scheinbar allgemeingültige Flüchtlingsprobleme auf die deutsche Familie. Da ist von Vorurteilen die Rede, die die Ägypter den europäischen Flüchtlingen, den „dekadenten Menschen aus dem Norden“, gegenüber haben. „Flüchtlinge aus Europa können nichts anderes als in Büros sitzen und Papiere umdrehen“, heißt es in dem Buch. Da ist von Europäern die Rede, die nichts anfangen können mit der Tugend der Frau und die nicht wissen, dass man den Gast höher stellen muss als sich selbst.

Doch trotz mancher Klischees erreicht Teller, dass der Leser sich einlässt auf dieses Gedankenexperiment, auf diesen Jungen, der keine Schule besuchen kann, später keine Arbeit findet und schließlich mit seinem Vater den von der Mutter gebackenen Kuchen auf der Straße verkaufen muss. Schließlich lässt sie ihn sagen, dass er sich an fast alles gewöhnen könne, nur eben nicht daran „als Mensch dritter Klasse behandelt zu werden“.

Janne Teller: „Krieg“. Mit Bildern von Helle Vibeke Jensen. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Hanser Verlag. 64 Seiten, 6,90 Euro. Ab 12 Jahre.

  Lesung im Rathaus
  In der Reihe „Literatur macht Schule“ des Literarischen Zentrums Göttingen kommt Janne Teller am Montag, 28. März, zu einer Veranstaltung nach Göttingen. Im Alten Rathaus liest die Autorin ab 19 Uhr aus „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ (Hanser Verlag, 2010, 144 Seiten, 12,90 Euro). Der Roman war nach Erscheinen an dänischen Schulen zunächst verboten, mittlerweile ist er internationaler Bestseller. Nach der Lesung mit der Schauspielerin Marie-Thérèse Fontheim (Deutsches Theater Göttingen), die der Erzählerin Agnes ihre Stimme leihen wird, gibt es eine Diskussion mit der Philosophin Michaela Rehm aus Bielefeld.

Von Stefanie Nickel

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