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„Das Rad der Welt“ im staubigen Festsaal

„Der Theatermacher“ „Das Rad der Welt“ im staubigen Festsaal

Neben dem Eingang schimmert Licht durch farbige Glasbausteine. Der Zugang zum Vorstellungsraum ist eng, weil sich dort auch die Schlange derer windet, die vor Vorstellungsbeginn noch ein Getränk kaufen wollen.

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Spaßfrei: Schauspieler Bruscon (P. Wenning, 2. v. l.) terrorisiert Tochter (A. Schreiber, l.), Ehefrau (G. Dey) und Sohn (P. Hagmann).

Quelle: Opitz

Der Saal ist großflächig mit auf die Wand gemalten Weinblättern verziert. Das Deutsche Theater (DT) Göttingen hat hier die Premiere der Inszenierung „Der Theatermacher“ angesetzt, eine mobile Produktion, die nach der ersten Station im Gasthaus Bieling „Zum Bahnhof“ in Diemarden durch weitere Wirtshaus-, Fest- und Schulsäle zieht. Wenn die Menschen nicht zum Theater kommen, kommt das Theater halt zu den Menschen.

Es gibt diese Krimis, in denen der Kommissar misstrauisch wird, weil alle Verdachtsmomente, alle Indizien, alle Beweise zu gut zusammen passen. Ein bisschen verhält es sich auch so mit der DT-Produktion „Der Theatermacher“ – alles passt verdächtig gut ineinander.

Der österreichische Autor Thomas Bernhard (1931 – 1989), Zeit seines Lebens heftiger und eloquenter Kritiker seiner Landsleute und seines Heimatlandes, ließ sein Stück genau an einem solchen Ort spielen wie dem Festsaal in Diemarden. Bei Bernhard heißt das Dorf Utzbach. Hier trifft der Staatsschauspieler Bruscon ein, um vor der ländlichen Bevölkerung seine Komödie „Das Rad der Welt“ zu spielen. Sein Ensemble hat er in seiner Familie rekrutiert: Ehefrau, Tochter und Sohn. Bruscon ist ein unausstehlicher Schauspielergockel, dessen beste Zeit längst vergangen ist. Er ist eitel, rechthaberisch, arrogant, faul, verachtend und eine durch und durch tragische Figur. Rund 60 Minuten dauert die grundsolide Inszenierung, die Regisseurin Sarah Schermuly mit sehr witzigen Einfällen veredelt hat. In dieser einen Stunde spricht (fast) nur Bruscon. Die anderen haben gefälligst den Mund zu halten, wenn der große Schauspieler spricht.

Für Paul Wenning ist dies eine Paraderolle. Er grantelt, dass es eine Pracht ist. Er schikaniert und piesackt seine Umgebung voller Überheblichkeit und grotesker Selbstüberschätzung und wird so klein und jämmerlich, je näher die Dorf-Vorstellung rückt. Nahezu wortlos begleiten Gaby Dey, Anja Schreiber und Philip Hagmann verlässlich durch diese Stunde. Die Regisseurin tritt kurz als fegende Wirtstochter auf, und Klaus Eickhoff aus Wöllmarshausen gibt einen aufgeregten Feuerwehrmann. Diese Kleinrolle wird bei den folgenden Vorstellungen immer neu besetzt sein.

Ein Detail rückt das Stück von Bernhard in ein verblüffendes Licht. Bruscon besteht wortreich und kategorisch darauf, dass es am Ende seiner Komödie absolut dunkel werden müsse im Saal. Selbst das (heute gesetzlich vorgeschriebene) Notlicht müsse abgeschaltet werden, sonst sei sein „Rad der Geschichte“ vernichtet. Mit genau diesem Ansinnen hatte Bernhard selbst bei den Salzburger Festspielen 1972 für den Skandal des Jahres gesorgt.

Natürlich zetert Bruscon auch über die Zustände in Utzbach im Allgemeinen („Hier gibt es ja nur noch alte Leute, die tanzen nicht“) und den Festraum im besonderen („Saalmiete kommt überhaupt nicht infrage. Alles verfault und vermodert hier“). Die Diemardener trugen es mit Fassung und applaudierten vergnügt und ausdauernd. Und auch ein Krimikommissar hätte seine Bedenken jetzt aufgegeben.

"Diemarden ist ein richtiges Musikdorf"

Es war nicht das übliche Premierenpublikum, das zur ersten Vorstellung der Produktion „Der Theatermacher“ ins Gasthaus Bieling in Diemarden gekommen war. Hier startete das Deutsche Theater Göttingen seine Tour durch vergleichbare Säle im Landkreis – ein gelungener Auftakt.

„Das passt zur Lokalität“, sagt Kathrin Kuhnigk nach der Vorstellung und fügt an: „Es wirkt in so einem Saal deutlich besser als im Deutschen Theater.“ Dabei habe sie erst gar nicht kommen wollen. Bei dem Hinweis „Komödie“ habe sie an Boulevard gedacht, erklärt Kuhnigk. Erst der örtliche Bioladenbesitzer habe ihr den Autor Thomas Bernhard näher gebracht.

Sie war gemeinsam mit Bianca Marchewka gekommen, auch sie beurteilte den Abend als gelungen, und beiden war eine Parallele zwischen Theatertext und Wirklichkeit aufgefallen. Staatsschauspieler Bruscon beschwert sich ausgiebig über den Gestank von Schweinen im Dorf, in Diemarden hatten Einwohner vor rund drei Jahren gegen die Ansiedlung eines Schweinemastbetriebes protestiert.

Die Einschätzungen des Abends von Herta Becker, Annemarie Gräbe und Therese Schermann liegen dicht beieinander: „wirklich gut gemacht.“ Becker, in Diemarden geboren, und Gräbe, die schon seit Jahrzehnten dort wohnt, erzählen von rauschenden Festen, die der Saal bereits erlebt habe. „Bis morgens um sechs Uhr gefeiert, dann ab in den Stall.“ Seit mehr als 60 Jahren singen beide im Kirchenchor, und Gräbe meint: „Diemarden ist ein richtiges Musikdorf“.

Klaus Eickhoff spielt sogar selbst mit. Als Feuerwehrmann hat er am Ende seinen Auftritt. Als Schriftführer des Kulturvereins Hurkuth habe er sich zudem um Säle für Auftritte bemüht. In den 16 Dörfern der Gemeinde Gleichen gebe es lediglich noch vier oder fünf, berichtet der Wöllmarshäuser. Seine Rolle wird in jedem Auftritt in den Dörfern neu besetzt. „In Güntersen sollen sich schon zehn Interessenten gemeldet haben“, sagt Eickhoff. Sein Fazit: „einfach toll.“

Weitere Vorstellungen: Freitag, 15. April, Gasthaus Kesten in Güntersen, Freitag, 27. Mai, Landhotel zur Krone in Dransfeld, Mittwoch, 22. Juni, Dorfgemeinschaftshaus Dramfeld, Sonnabend, 25. Juni, Grundschule Tiftlingerode und Freitag, 1. Juli, Elverratskeller in Mingerode. Beginn ist um 20 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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