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"Das kunstseidene Mädchen" bei den Göttinger Theatertagen

Deutsches Theater "Das kunstseidene Mädchen" bei den Göttinger Theatertagen

Schauspielerin Fritzi Haberlandt hat den Text des Romans "Das kunstseidene Mädchen" zum Leben erweckt. Die Schauspielerin las, spielte und atmete ihn, sie tanzte und sang ihn gemeinsam mit dem Multi-Instrumentalisten Jens Thomas bei den Göttinger Theatertagen am Sonnabend im Deutschen Theater.

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Schauspielerin Fritzi Haberlandt und Musiker Jens Thomas begeistern im Deutschen Theater.

Quelle: Heller

Göttingen. „Ein Glanz sein“, nichts wünscht sich Doris sehnlicher. Doch was versteht ein einfaches achtzehnjähriges Mädchen aus der Provinz darunter, und welche Mittel stehen ihr zur Verfügung? Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Jahre 1931 und seinerzeit ein Publikumserfolg, war bei den Göttinger Theatertage zu erleben. Schauspielerin Fritzi Haberlandt erweckt Keuns Text auf faszinierende Weise zum Leben. Sie liest und spielt und atmet ihn, sie tanzt und singt ihn gemeinsam mit dem Multi-Instrumentalisten Jens Thomas.  Dessen gesangliche Einwürfe geraten allerdings an einigen Stellen zu dominant und lenken den Fokus zu sehr vom Text weg. 

 

Haberlandts mädchenhaftes Aussehen und ihre zuweilen ungestüme Art sich zu bewegen, stehen dem Text gut zu Gesicht. Dabei gleibt die verschwenderische Intensität der Mischung aus Worten und Klang dem Leben „der kleinen Doris“, wie sie von ihren zahlreichen Verehrern gern genannt wird.

 

Als Sekretärin gefeuert, macht die lebenslustige, schlagfertige Doris Station beim Theater, wo sie wild entschlossen ist, sich hochzuarbeiten. So wird die adlige Kontrahentin kurzerhand auf der Toilette eingeschlossen, damit Doris ihren einen Satz sprechen kann. In der Premiere sitzen vor allem Doris‘ Verehrer und applaudieren lautstark. Kein Wunder für Doris, die über sich sagt, „alles ist erstklassig an mir“. Nachdem Doris im Theater einen Fehmantel stiehlt, muss sie flüchten. Natürlich nach Berlin, so war das schon damals, wenn man was werden wollte. Immer dabei, ihr liniertes Schreibheft, die einzige Konstante in Doris‘ Leben, mit dem es bergauf- und bergab geht, dass es ihr und dem Lesern schwindlig werden könnte.

 

Aber Doris hat „Korke im Bauch“ und gehe nicht unter, so ist sie überzeugt, wie auch davon, dass sie als junge, mittellose Frau ein Anrecht auf Glück und ein eigenes Leben hat. Insofern ist Keuns Roman modern, emanzipiert, am Puls der damaligen Zeit. Messerscharf ist die Beobachtungsgabe ihrer Protagonistin und so groß wie Doris‘ Lebenshunger ihre Wut über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Doppelmoral der Männer.  Leider bleiben sie aber ihr einziges Mittel sich über Wasser zu halten oder zum ersehnten Glanz zu gelangen, denn es hapert bei Doris nicht nur an der Grammatik und am Geld, sondern auch an der emotionalen Eigenständigkeit. Im Wartesaal des Bahnhof Zoo dämmert es Doris dann am Ende, dass der Glanz vielleicht doch nicht so wichtig ist. Das Göttinger Publikum applaudiert begeistert und mit Nachdruck.

 

Von Marie Varela

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