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Das läuft in Göttingens Kinos

Kinostarts der Woche Das läuft in Göttingens Kinos

Mit "La La Land" startet der große Abräumer der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung in den deutschen Kinos. Der Film mit Emma Stone und Ryan Gosling in den Hauptrollen ist einer der wichtigsten Anwärter für die anstehende Oscar-Verleihung.

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Mit "La La Land" startet der große Abräumer der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung in den deutschen Kinos.

Quelle: EPD

Der große Globe-Sieger im Kino: Ryan Gosling und Emma Stone tanzen sich ins „La La Land“

Göttingen . Wer im Stau steht, ist zum Nichtstun verdammt und sollte sich den eigenen Nerven zuliebe dem Schicksal ergeben. Vielleicht gibt’s aber auch noch eine andere Möglichkeit: In dieser ganz besonderen Blechlawine in Los Angeles öffnen sich alsbald Autotüren, treten Menschen auf die Fahrbahn, recken sich, proben erste Tanzschritte, der ein oder andere wagt sogar einen Salto auf dem Autodach, und bald singen alle lauthals um die Wette.

Mitten im Stillstand ist die Lust auf Bewegung und Gesang ausgebrochen. Ganz kurz begegnen sich auf dem Asphalt auch zwei Menschen, die sich später ineinander verlieben werden. Aber das wissen nur wir Zuschauer, nicht die beiden.
Reine Träumerei das alles? Genau! „La La Land“ von Damien Chazelle ist eine Einladung zum Träumen im Hier und Jetzt. Der Regisseur hat ja selbst zu träumen gewagt und ein Musical inszeniert. Dabei hat das moderne Kino – abgesehen vielleicht von Bollywood – das Tanzen doch weitgehend verlernt.

Fred Astaire und Ginger Rogers, Gene Kelly und die gerade verstorbene Debbie Reynolds: Diese Paare gehören einer weit entfernten Vergangenheit an. Hollywood lernte zu tanzen, als der Tonfilm erfunden wurde, und flüchtete bald schon vor der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre in Revue-Märchen. Mit dem Niedergang des Studiosystems aber verschwand dieses Kinogenre wieder von der Leinwand.

Einzelne Regisseure versuchten später immer wieder, das Musical zu reaktivieren. Aber kaum einer hat dabei Romantik und Realität so spielerisch leicht verquickt wie nun der US-Regisseur (außer natürlich „Hair“-Regisseur Milos Forman). Chazelle sorgte schon mit seinem Musikfilm „Whiplash“ vor drei Jahren für Furore, auch da zeichnete Justin Hurwitz für die Musik verantwortlich. Nun präsentieren die beiden eine ganz unironische, hingebungsvolle Hommage ans große Zeitalter der US-Musicals, ohne sich jedoch der Nostalgie zu ergeben. Dafür gab’s Anfang der Woche gleich sieben Golden Globes.

In dem Stau in Los Angeles stecken auch die aufstrebende Schauspielerin Mia (Emma Stone), die ihr Geld einstweilen noch als Kellnerin in einem Café auf dem Gelände des Filmstudios Warner Bros. verdient, und der Jazzpianist Sebastian (Ryan Gosling), der allabendlich eine verhasste Setlist in einem Restaurant abarbeiten muss. Mia quält sich seit Jahren schon von einem demütigenden Vorsprechen zum nächsten. Sebastian träumt von seiner eigenen Jazzbar, kann deswegen das Improvisieren wieder mal nicht lassen und wird von seinem Chef schnurstracks entlassen (von J. K. Simmons, dem sadistischen Musiklehrer aus „Whiplash“!).

Irgendwann tanzen die beiden  wie einst Astaire und Rogers in den glitzernden Sternenhimmel über L. A. – wenn auch nicht so gekonnt wie diese berühmten Vorbilder. Aber das schadet nichts, denn das Unperfekte machen sie durch Charme wieder wett. Von nun an unterstützen sich Mia und Sebastian bei der Verwirklichung ihrer Träume.

Da ist der Film gerade zur Hälfte rum, fürs Happy End ist’s also noch zu früh. Chazelle, der auch das Drehbuch schrieb, treibt seine Geschichte  weiter und dockt an unsere Gegenwart an. Was, wenn sich Karriereträume nicht mit privatem Glück synchronisieren lassen? Mag dieser Film auch „La La Land“ heißen, der Regisseur stürzt seine „törichten Träumer“ (Mia) in heftige Konflikte und Missverständnisse. Weil Chazelle weiß, dass Kinozuschauer in einem Musical am liebsten bis zum Ende träumen, hat er sich ein bitter-zartes Finale ausgedacht, in dem sich Freude und Schmerz elegant die Waage halten.

Emma Stone und Ryan Gosling sollten jedenfalls schon mal ein paar Tanzschritte für die Oscar-Verleihung Ende Februar einstudieren, denn diese glücklich machende Wiederbelebung des Musicals steht im Oscar-Jahr 2016 ganz weit oben auf der Favoritenliste.

Von Stefan Stosch 

                                              
Musikalische Herausforderungen für die Darsteller
Das „La La Land“ hielt für manche Beteiligte Überraschungen bereit. Hauptdarsteller Ryan Gosling hatte zwar früher schon in seiner Band Dead Man’s Bones gesungen, aber dafür keinerlei Ahnung vom Pianospiel. Bei den Vorbereitungen für die Dreharbeiten übte er sechs Wochen lang zwei Stunden täglich am Klavier.
Am ersten Drehtag konnte Gosling nach Angaben von Komponist Justin Hurwitz seine Stücke auswendig. Weder Händedouble noch Computertrick waren nötig, Gosling erledigte diesen Teil in einem einzigen Take. Was Kollege John Legend, einem ausgebildeten Pianisten, Respekt abrang: Er sei „eifersüchtig“ auf das Tempo, mit dem sich Gosling das Klavierspiel angeeignet habe, so Legend – der für diesen Film Gitarre lernen musste.

Für Emma Stone war „La La Land“ bereits die zweite Musical-Produktion. Debütiert hatte sie am Broadway mit „Cabaret“ über das Nachtleben im Berlin der späten Weimarer Jahre. Stone übernahm die Hauptrolle der Sally Bowles. 1972 hatte Liza Minnelli diesen Part in Bob Fosses mit acht Oscars überhäufter Verfilmung gespielt. Den Song „Audition“ in „La La Land“ sang Emma Stone entsprechend live – und nicht etwa mittels Lippensynchronisation zu einer vorproduzierten Aufnahme.      

                                                  

Hitler war ein süßes Baby

Haben Holocaust-Forscher tatsächlich keinen Humor? Dann sollten sie Chris Kraus’ Film besser meiden. Denn sie begegnen hier einem nach eigenen Worten völlig humorfreien Wissenschaftler, dem die Nerven durchgehen: Er schlägt seinem Chef wutentbrannt die Zähne ein, als dieser einen Auschwitz-Kongress mit Sponsoren marketingtechnisch ein bisschen aufpeppen will. Von da an läuft der Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg – kurz: die Zentralstelle – mit einer Gesichtsschiene frei nach Hannibal Lecter rum und nuschelt.

Womit mal klar sein dürfte: „Die Blumen von gestern“ ist alles andere als eine abgehangene Auseinandersetzung mit deutscher Erinnerungskultur. Der Regisseur liefert mit bösem Vorsatz einen grellen, deftigen, albernen Film – noch dazu angereichert mit einem romantischen Touch. Diese Mischung ist gewagt, und die Geschichte läuft auch nicht wirklich rund. Zu oft wird dafür die Tonart gewechselt.

Chris Kraus („Vier Minuten“), Jahrgang 1963 und in Göttingen geboren, meint es ernst mit dem Spaß. Er bringt den Enkel eines SS-Offiziers und Massenmörders und die Enkelin eines von dessen jüdischen Opfern zusammen. Totila Blumen (Lars Eidinger) heißt der prügelnde Forscher mit Nazi-Vorfahren, die Großmutter der französischen Zentralstellenpraktikantin Zazie (Adèle Haenel) wurde in Riga in einem Lastwagen vergast. Die Enkelin ist so „gestört“ (Zazie über Zazie) wie Totila, und gerade dies scheint die Anziehungskraft zwischen ihnen auszumachen. Zudem haben beide eine „gemeinsame pränatale Vergangenheit“, wie es hier so schön heißt.

Kraus’ Film ist ein anarchischer Anschlag auf eingeschliffene Gedenkroutinen. Der Regisseur will Verkrustungen bei der sogenannten Vergangenheitsbewältigung aufbrechen. Echte Anteilnahme sei hinter entleerten Ritualen gar nicht mehr zu spüren, so Kraus, der auch das Drehbuch schrieb. Er selbst hat nach eigenen Worten über Jahre die Verstrickungen seines Großvaters in SS-Verbrechen erforscht, über die seine Familie schwieg.

Besonders in der ersten Hälfte verlangt Kraus dem Zuschauer einiges ab. Die Aufgekratztheit des Filmpersonals ist nur schwer erträglich. In der zweiten Hälfte jedoch werden seelische Wunden offengelegt. Totila und Zazie gehen auf eine Reise in die bittere Vergangenheit und kommen sich näher. Ihr skurriles Verhalten wird nachvollziehbar. Historische Rückblenden bleiben (glücklicherweise) ausgespart.

Kraus führt vor, wie leicht sich mit dem NS-Thema immer noch provozieren lässt. Es reicht ein Blick auf ein Foto vom kleinen Hitler: „Och, ist das ein süßes Baby“, sagt Zazie, und schon geht Totila die Wände hoch. Gewiss hat Kraus recht: Mit der deutschen Vergangenheit sind wir nicht fertig, und die zunehmende Selbstzufriedenheit beim Umgang mit NS-Geschichte sollte jeden irritieren.

Von Stefan Stosch        

                                        

Sympathie für zwei Banditen

Zwei Brüder gegen das Schicksal: Tanner (Ben Foster) und Toby (Chris Pine) rauben Filialen der Texas Midland Bank aus, um ihre Schulden zahlen und die kleine Ranch retten zu können. Es wurde Öl auf dem Land gefunden. Eine Chance, das böse Familienkarma zu drehen und zu Wohlstand zu kommen. Der Zuschauer, der sich David Mackenzies realistischen Gegenwartswestern "Hell or High Water“ besieht, hat die Outlaws schnell ins Herz geschlossen – auch wenn der sich selbst als „Komantsche“ stilisierende Tanner als durchgeknallter Galgenvogel erscheint. Es geht um den Anstand in Zeiten der Armut. Verfolgt werden die Banditen von Texas Rangers (Jeff Bridges, Gil Birmingham), deren Sympathien nicht bei der Bank liegen.

Die Musik lässt Blut, Blei und Grab erahnen.  Mackenzies West-Texas ist eine der traurigsten Ecken der Welt. Die Kamera von Giles Nuttgens zeigt das öde Nichts des Graslands, auf dem Ölpumpen nickend ihre Arbeit verrichten. Dieser Film über das arme Amerika senkt sich ins Gemüt wie ein Brandeisen. Für Chris Pine, den Captain Kirk des Raumschiffs Enterprise, bedeutet er den Durchbruch ins Charakterfach.  
Von Matthias Halbig

Coolster Kater

„Wann waren Sie zuletzt nüchtern?“ Bei dieser Frage der Sozialarbeiterin muss James Bowen (Luke Treadaway) nicht überlegen: „Da war ich elf.“ Keine gute Prognose für einen Junkie. Dass der abgerissene Straßenmusiker es schafft, verdankt er „Bob, dem Streuner“ , wie auch dieser Film heißt. Der rothaarige Kater springt nachts in James’ Londoner Sozialwohnung und bleibt trotz aller Versuche, ihn wieder loszuwerden.

Roger Spottiswoodes Verfilmung des auf wahren Begebenheiten basierenden Bestsellers von James Bowen verzichtet ganz auf Sozialkitsch. Am Anfang glaubt man sich fast in einem Film von Ken Loach, wenn der frierende Junkie im Regen vor sich hin klampft. Wie James ins Leben zurückfindet, das ist traurig und gefühlvoll.

An ein Wunder grenzt es, dass der echte Bowen die Chance als Buchautor erhielt. Der echte Bob darf neben anderen Artgenossen vor der Kamera sich selbst mimen. Klar, ist ja auch die coolste Katze der Welt. mk

Ritter in China

In Zhang Yimous  „The Great Wall“ findet sich Matt Damon als Quoten-Ami wieder, der das westliche Publikum in die Zeit der Song-Dynastie des 11. Jahrhunderts entführen soll. Damon spielt in diesem Paralleluniversum den Söldner William Garin, der auf der Jagd nach der Schwarzpulverrezeptur ist. Bald hilft der Streuner aus dem Westen den fortschrittlichen Asiaten, von der Chinesischen Mauer aus das Land gegen Monster zu verteidigen.

Die Freunde der cineastischen Schlachtgemäldekunst kommen definitiv auf ihre Kosten. Anhänger feiner Plot-Schmiedearbeiten und raffinierter Dialoge dürften in „The Great Wall“ leer ausgehen.  schw

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Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr