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Die Filmstarts der Woche ab Donnerstag, 29. Dezember Das läuft in den Kinos

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Quelle: dpa

Gewiefte Strippenzieherin: Jane Austen kann böse sein: Kate Beckinsale ist in „Love & Friendship“ ihre hinterlistige Lady Susan

Von Stefan Stosch

Mit Jane Austen (1775–1817) lässt sich im Kino und im Fernsehen vielerlei anstellen, der Strom der Verfilmungen ihrer Romane reißt nicht ab. Neuerdings dienen die Werke der britischen Pfarrerstochter Austen auch als Grundlage für Horrorstreifen wie „Stolz und Vorurteil und Zombies“.

Bei Austen-Puristen dürften solche Exzesse allerdings vornehmlich angewidertes Kopfschütteln auslösen. Feine Ironie und besondere Beobachtungsgabe sind die Markenzeichen der Schriftstellerin, die den gehobenen britischen Mittelstand ihrer Zeit als Marktplatz der Eitelkeiten schilderte.

Am Ende geht es in „Verstand und Gefühl“ oder „Stolz und Vorurteil“ doch immer um das eine: Wer kriegt wen? Wer hat wen verdient? Und wer muss mit wem vorliebnehmen? Besonders Frauen standen in Austens Gegenwart vor der Herausforderung, sich durch Ehe eine Existenz in gesichertem Wohlstand zu sichern.

Liebenswert sind die meisten ihrer Hauptfiguren, die Luftikusse vielleicht noch mehr als die Tugendwächter. Titelheldin Lady Susan passt da allerdings nicht so recht ins Bild. Sie ist die schlagfertige Strippenzieherin in einem unvollendet gebliebenen Briefroman.

Nun hat sich Regisseur Whit Stillman dieses Buchs angenommen. Er ist Amerikaner, kein Brite – aber das muss ja nichts heißen: Eine der liebreizendsten Austen-Adaptionen hat der Taiwaner Ang Lee mit „Sinn und Sinnlichkeit“ (1995) vorgelegt.

Bei ihm schienen sogar die südenglischen Schafe gecastet worden zu sein, wie damals ein kluger Kritiker schrieb. Ebenso gelingt nun Stillman ein funkelnder Film voller Esprit und Witz, der allerdings den ein wenig irreführenden Titel „Love and Friendship“ trägt. Denn hier zählen Berechnung und Taktikspiele deutlich mehr als große Gefühle.

Zur gelungenen Umsetzung trägt Hauptdarstellerin Kate Beckinsale („Underworld“) viel bei, die in der Rolle als gewiefte Lady Susan geradezu erblüht. Susan, früh verwitwet, ist auf der Flucht vor all den Gerüchten um ihre Affäre mit einem verheirateten Mann.

Sie kommt auf dem Land bei ihrem Schwager Charles und dessen Frau Catherine unter – und macht sich sogleich daran, nach einem begüterten Ehekandidaten zuallererst für ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) Ausschau zu halten. Vielleicht kann sie dann ja auch an dem zu erwartenden Reichtum partizipieren.

Wie wäre es mit dem hingebungsvollen Trottel Sir James (Tom Bennett), der keinen geraden Satz zustande bringt? Das macht aber nichts, denn wie heißt es hier doch: „Das Wichtigste, was ein Mann geben kann, ist sein Einkommen.“

Lady Susan ist nie um eine Bosheit verlegen, wenn sie mit ihrer Vertrauten Alicia Johnson (Chloë Sevigny) Schachzüge ausbaldowert oder Verwandte gegeneinander ausspielt. Gegen diese geistreiche Verführerin ist kein Kraut gewachsen. Sie mag ja böse sein, aber die Männer um sie herum sind dumm.

Anfangs ist es allerdings für Kinozuschauer ein wenig anstrengend, sich zwischen den zahlreichen Nebenfiguren zurechtzufinden, die hier großzügige Herrenhäuser und Schlösser bevölkern und alle paar Minuten vorgestellt werden. Dem Film haftet etwas Statisches an, beweglich sind vor allem die Dialoge.

Sogar für schauspielerische Schwergewichte wie Stephen Fry bleiben nur bescheidene Parts. Sei‘s drum: Beckinsale taktiert sich in prachtvoller Garderobe zum Happy End – was in diesem besonderen Fall nicht unbedingt mit Eheglück gleichzusetzen ist.

„Love & Friendship“, Regie: Whit Stillman, 93 Minuten, FSK 0 Kino                          

Der etwas andere Jane-Austen-Roman
„Love & Friendship“ ist die Verfilmung des recht kurzen Briefromans „Lady Susan“, den Jane Austen vermutlich um 1794 geschrieben hat. Die damals 19-jährige Autorin hat das Buch nie vollendet. Veröffentlicht hat es ihr Neffe James Edward Austen-Leigh 1871 im Anhang der Biografie, die er über seine 1817 verstorbene Tante verfasste.

„Lady Susan“ passt in Form und Inhalt nicht so recht zu berühmten Austen-Romanen wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Emma“. Dem Zeitgeschmack Ende des 18. Jahrhunderts entsprechend, wird die Handlung in einer Reihe von Briefen, also mit ständigen Perspektivwechseln, erzählt. Die Haupt-figur ist keine positive Heldin, sondern zutiefst egoistisch, rücksichtslos und intrigant.

Das hat viele Austen-Fans irritiert, auch die etwas sperrige Form hat dazu geführt, dass „Lady Susan“ wenig gelesen wird. Hinzu kommt, dass die Spannung allzu schnell raus ist: Nach wenigen Briefen werden die Intrigen der Lady durchschaut. Außerdem bleiben im Grunde neben ihr alle Figuren blass. Austen muss die Schwächen gespürt haben, jedenfalls brach sie den Roman ab und vollendete die Geschichte nur mit einer Zusammenfassung der kommenden Ereignisse.

Literaturkritiker sehen „Lady Susan“ heute als Fingerübung der Dichterin. Der Roman zeigt jedoch schon wesentlichen Themen des Austen-Werks: Romantische Liebesgeschichten spielen in ihren Büchern nur eine handlungsstrukturierende Rolle, entscheidend sind dagegen psychologisch ausgefeilte Charaktere und brillante Dialoge in einer Art Sittengemälde des englischen Landadels Anfang des 19. Jahrhunderts.  Rms

„Ich möchte Menschen besser verstehen“
Marion Cotillard über den Film „Einfach das Ende der Welt“ und ihre Lust aufs Kino

Frau Cotillard, Ihr Regisseur Xavier Dolan gilt als filmendes Wunderkind. Merkt man davon etwas am Filmset?
Xavier ist einzigartig! Nur lässt sich das schwer erklären. Das ist mehr als ein Stil. Xavier arbeitet wie ein Bildhauer oder auch wie ein Maler. Er ist an allem beteiligt, an den Kostümen, sogar am Make-up, er ist der Schöpfer von allem.

Wie wichtig war Improvisation bei diesem Familiendrama?
Die fand gar nicht statt. Die Vorlage ist ein Theaterstücks von Jean-Luc Lagarce, dem wir unbedingt Gerechtigkeit widerfahren lassen wollten. Als ich das Skript gelesen habe, dachte ich zuerst: Wie lässt sich dieser Text lernen? Meine Figur Catherine bringt keinen vernünftigen Satz heraus. So viele Unterbrechungen, Pausen, Wiederholungen.

Was fasziniert Sie am Kino?
Ich möchte Menschen besser verstehen. Schon als Kind hatte ich Fragen ans Menschsein, zum Beispiel: Wie funktioniert das Zusammenleben? Als Schauspielerin habe ich die Chance, andere Leben zu untersuchen, auch über meine eigene Kultur hinaus. Und ich glaube tatsächlich, mehr und mehr zu begreifen. Wahrscheinlich wähle ich danach auch meine Rollen aus, ohne mir dessen jedes Mal bewusst zu sein.

In diesem Film gibt es unglaublich viele Nahaufnahmen. Stört das beim Drehen?
Ich kriege gar nicht immer mit, wo die Kamera platziert ist. Und das Seltsame ist ja auch: Je näher sie an dir dranklebt, desto weniger siehst du von ihr.
Und wenn Ihr Gesicht später riesengroß auf der Leinwand auftaucht?
Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Sie sind aktuell gleich in noch zwei weiteren Filmen zu sehen, in  „Assassin’s Creed“ und in „Allied“: Sind Sie ein Workaholic?
Ich wünschte, ich könnte diese Frage so einfach verneinen. Und trotzdem glaube ich nicht, einer zu sein. Bei manchen Angeboten kann ich bloß einfach nicht widerstehe. Ich kann mir aber auch den Luxus leisten, mal zwei Monate zu pausieren und diese Zeit voll und ganz mit meinem Sohn zu verbringen. Lassen Sie es mich so sagen: Vielleicht bin ich ein Faulpelz, der das hinter viel Arbeit zu verbergen versucht.

Interview: Stefan Stosch

 

Freakshow in  Starbesetzung

In „Einfach das Ende der Welt“ erzählt Xavier Dolan von einem tödlich erkrankten Sohn, der heimkehrt. Wie soll Louis (Gaspard Ulliel) seiner hysterischen Familie die Wahrheit sagen? Die Kamera pickt sich Mutter (Nathalie Baye), Bruder (Vincent Cassel), Schwester (Léa Seydoux) und Schwägerin (Marion Cotillard) heraus und führt sie vor. Dolan putscht diese Familie zur Freakshow auf, bis es kaum mehr erträglich ist.   sto 

„Einfach das Ende der Welt“, Regie: Xavier Dolan, 99 Minuten, FSK 12 Kino

 

Ein Videospiel wird zu bildstarkem Actionkino:  Michael Fassbender in „Assassin’s Creed“

Von J. von der Gathen

Der zweimal Oscar-nominierte Michael Fassbender mal anders: In der Videospielverfilmung „Assassin’s Creed“ spielt er den zum Tode verurteilten Mörder Callum Lynch. Der gerät in die Fänge einer obskuren Templer-Organisation und wird auf Zeitreise zurück in das Andalusien um 1490 geschickt:

Der finstere Generaldirektor Alan Rikkin (Jeremy Irons) lässt sein Versuchsobjekt Lynch mittels einer DNA-Erinnerungstechnologie die Abenteuer seines Vorfahren Aguilar im Spanien des 15. Jahrhunderts erleben. Rikkin und seiner Tochter Sophia (Marion Cotillard) geht es darum, den geheimnisumwitterten „Apfel Edens“ zu finden, um damit den Willen der Menschen zu steuern.

Mit Logik oder Plausibilität kommt man in diesem Film nicht weit, aber die Fans des Computerspiels werden auch auf der Leinwand ihren Spaß an den irren, bisweilen wirren Zeitreisen Lynchs haben. Gezeigt wird ein ganz finsteres Mittelalter mit ewig wabernden Nebeln, Hexenverbrennungen und Blutströmen. Regisseur Justin Kurzel hat viel reingepackt in dieses 3-D-Abenteuer. Fassbender fasziniert auch in diesem bildgewaltigen Film.

„Assassin’s Creed“, Regie: Justin Kurzel,  108 Minuten, FSK 16 Kino

 

Zwei Damen im Cabriolet
Gräfin Maria Beatrice Morandini Valdirana kennt sich in der High Society aus und hält es mit der Wahrheit nicht so genau, Donatella ist in sich gekehrt und leidet darunter, dass nach einem gemeinsamen Selbstmordversuch ihr Sohn von einer fremden Familie adoptiert wurde.

Bei passender Gelegenheit büxen die beiden Patientinnen aus der Villa Biondi, einer psychiatrischen Luxusklinik aus. Auf der chaotischen Reise durch die sommerliche Toskana freunden sich die Frauen an und treffen auf ein Italien sozialer Gegensätze.

Paolo Virzis sich wunderbar ergänzenden Heldinnen spielen mit starkem Dialogwitz und Herz so richtig auf, wobei Valeria Bruni Tedeschi als adeliges Energiebündel mit rosa Sonnenschirm in der Hand quasselnd die Führungsrolle übernimmt, obgleich Micaela Ramazzotti den vielschichtigeren Charakter spielt.

Unbekümmert und ohne ans Morgen zu denken, erobern sie sich ein gutes Stück Lebensfreude zurück. Und das zu sehen tut gut. mkö                                            

„Die Überglücklichen“, Regie:  Paolo Virzi, 116 Minuten, FSK 12 Kino 

 

Entlarvung der Tourismus-Industrie
Schock zum Schluss: Zum Finale seiner Doku „Safari“ zeigt Ulrich Seidl quälend lang den Todeskampf einer Giraffe. Die  endlos anmutende Szene „krönt“ den Urlaubstrip von Europäern, die in Afrika als Touristen ihre Lust am Töten von Großwild ausleben. Seidl („Paradies“-Trilogie) entlarvt den Menschen als die grausamste Bestie auf Erden.

Anfangs hat man noch den Eindruck, der Österreicher mache es sich leicht. Das allseits verkündete Jägerlatein wirkt  lächerlich. Doch je länger Seidl beobachtet, umso schärfer wird die Entlarvung einer Profit bringenden Touri-Industrie. ag  

„Safari“, Regie: Ulrich Seidl,  91 Minuten, FSK 12 Kino

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