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„Das wärmste Lob“ ist ihnen nicht zu versagen

„Fisk Jubilee Singers“ „Das wärmste Lob“ ist ihnen nicht zu versagen

Im November dieses Jahres gastieren die afroamerikanischen Jazzmusiker Kenny Garrett und Roy Hargrove mit ihren Bands auf dem Göttinger Jazzfestival. Doch wann gab es in der Leinestadt das erste Konzert mit schwarzen Künstlern? Die Antwort überrascht.

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Auftritte für den Ausbau der Fisk-University Nashville: die „Fisk-Jubilee Singers“.

Quelle: EF

Bereits vor 134 Jahren am 3. Januar 1878. Damit war Göttingen eine der ersten Städte in Deutschland, in der afroamerikanische Kultur live zu erleben war.

Zu Gast war an dem Tag der Spiritual-Chor „The Fisk Jubilee Singers“. Zwar gab es damals noch keinen Jazz, doch sind die religiösen Spirituals musikgeschichtlich eine der wichtigsten Wurzeln dieser afroamerikanischen Musik. Mit den als „Jubiläums-Sängern“ angekündigten Vokalisten war nun erstmalig ein Spiritualchor im damaligen Kaiserreich auf Tournee.

„Das Göttinger Konzert fand im Otfried-Müller-Haus statt – dem heutigen Jungen Theater“, weiß der Göttinger Jazzkenner Horst Möller, der zu diesem Ereignis recherchierte. „In dem Gebäude befand sich das Literarische Museum, einer der damals wichtigsten Orte des künstlerischen und geistigen Lebens der Stadt.“

Die „Fisk Jubilee Singers“ waren neun ehemalige Sklaven, die mit ihren Auftritten Mittel für den Ausbau der Fisk-Universität in Nashville einspielten – der ersten schwarzen Universität in den USA. Es war wohl kein Zufall, dass die Vokalisten in Göttingen vor einem sehr gebildeten und weltoffenen Publikum auftraten. Die gesamte Deutschlandtournee führte sie in erstklassige Konzerthäuser. Sie sangen vor der Prominenz der damaligen Zeit: der kaiserlichen Familie, Herzögen und Wissenschaftlern.

Möller forschte zum hiesigen Konzert unter anderem im Göttinger Stadtarchiv. „Es ist beachtlich, wie professionell die Pressearbeit im Vorfeld dieses Konzerts war. In der damaligen Göttinger Zeitung (GZ) gab es vor dem Konzert immerhin drei Anzeigen und drei Vorberichte.“ Der Redakteur der GZ, L. Hofer, preist beispielsweise am 21. Dezember 1877 die Fisk-Sänger an:  „Der Aufführung ist das wärmste Lob nicht zu versagen. … Das Ensemble ist vorzüglich“.

Am 28. Dezember 1877 übernimmt die Göttinger Zeitung einen Beitrag aus dem Berliner Tageblatt, in dem Kronprinz Friedrich – der spätere Kaiser Friedrich III. – nach einem Konzert des Chores zitiert wird mit: „Das packt, das ist überaus rührend und geht durch und durch“.

Bei seinen Recherchen stieß Jazzkenner Möller auch auf den Klassik-Violinisten Joseph Joachim – ein im 19. Jahrhundert in Europa umjubelter Star-Geiger. Dieser kannte Göttingen durch Besuche von Vorlesungen an der hiesigen Universität und dem Treffen mit Johannes Brahms sowie eigenen Auftritten. Im Vorfeld des Konzerts der „Fisk Jubilee Singers“ wird der berühmte Violinist in der Göttinger Zeitung vom 31. Dezember 1877 mit seiner Einschätzung des Göttinger Publikums erwähnt: „Joachim soll den Sängern gesagt haben, in Göttingen würden sie nicht viel machen, er hat gewiss befürchtet, es gäbe hier zu viele musikalisch Kluge. …

Es wird zugleich Gelegenheit geboten, Joachim zu zeigen, dass man in Göttingen wirklich Musik versteht.“ Der als „Kunstnotiz“ betitelte Beitrag des „Einsenders“ ist schlicht mit dem Autorenkürzel „W.“ unterzeichnet. Horst Möller vermutet: „Ich tippe, dass der Autor der Theologe Professor Julius August Wagenmann war. Er war ordentliches Vorstandsmitglied des Literarischen Museums und damit auch Programmmacher. Wer anders als er könnte auf ein Göttinger Geraune reagiert haben?“

Eine Rezension des Konzertes in der heimischen Presse ist nicht zu finden. Doch den „Fisk Jubilee Singers“ ist es aus heutiger Sicht zu verdanken, Göttinger Musikfreunde erstmalig bekannt gemacht zu haben mit afroamerikanischen Liedern und schwarzer Klangästhetik. Auch ihre Nachfahren sind  noch immer  als „Fisk-Jubilee-Singers“ auf den Bühnen der Welt zu hören. Viele Jazzmusiker wurden und werden noch heute von genau diesen Melodien geprägt und beeinflusst.

Von Udo Hinz

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