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Anarchist Graeber gegen Bürokratie

Lesung im Alten Rathaus Göttingen Anarchist Graeber gegen Bürokratie

Lange Warteschlangen oder undurchsichtige Formulare sind Sinnbild der Bürokratie und des Gangs zum Amt. Der Anthropologe David Graeber präsentierte am Dienstag im Alten Rathaus sein neues Buch „Bürokratie – Die Utopie der Regeln“ und sprach mit Kolumnist Jakob Augstein über den Sinn der Verwaltung.

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Jakob Augstein (links), David Graeber im Alten Rathaus in Göttingen.

Quelle: Heller

Göttingen. Veranstalter des Abends war das literarische Zentrum. Das Gespräch zwischen Augstein und Graeber wurde auf englisch geführt. Schauspieler Jan Reinartz las Ausschnitte aus Graebers Buch auf Deutsch.

„Die Bürokratie hat sich bei uns zu einem Ersatz für Rituale entwickelt“, sagte Graeber. In kleinen Stämmen werde beispielsweise beim Tod oder der Heirat eine Zeremonie veranstaltet. „Bei uns haben Formulare diesen Platz eingenommen. Man ist erst Tod, wenn man die Papiere ausgefüllt hat“, erklärte Graeber seinen Standpunkt.

Graeber ist Anthropologe und bekennender Anarchist. Er lehrt an der „London School of Economics and Political Science“ nach seinem umstrittenen Rauswurf an der amerikanischen Universität Yale. „Ich dachte, ich wäre clever, meine politischen Aktivitäten nicht auf dem  Campus zu machen, sondern in York. Aber scheinbar hat das der Uni nicht gepasst. Die Gründe wurden mir nie genannt“, so Graeber.

„Davids Idee ist es, dass Bürokratie nicht nur staatlich ist, sondern auch Firmen diese nutzen“ , moderierte Augstein. Große Banken würden ihre Gewinne durch das Nichteinhalten von Regeln erzielen, so Graeber. „Die Banken sagen, dass sie die Regeln nicht gemacht haben und verweisen auf den Staat. Das stimmt aber nicht“, sagte Graeber. Bürokratie sei wie ein Spiel, nur dass wir die Regeln nicht komplett kennen und verstehen, so Graeber weiter. Und: Durch Regelbruch verdienten die Banken Geld.

Bei einem Besuch in Madagaskar habe er festgestellt, dass kleinere Bevölkerungsgruppen auf eine Regelung durch Bürokratie verzichteten. „Man könnte denken, dass dort Chaos herrsche. Aber es funktioniert alles ohne Bürokratie“, erläuterte Graeber. Für ihn sei es interessant, sich vorzustellen, dass unser Zusammenleben auch ohne Bürokratie funktionieren könnte.

In Graebers Buch heißt es: „Bürokratische Anforderungen überwältigen uns. Unser Leben dreht sich um das Ausfüllen von Formularen.“ Wenn dieses Buch im bescheidenen Ausmaß einen Anstoß zur politischen Diskussion bieten will, hat es seinen Beitrag geleistet.

Von Vincent Lubbe

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