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Dea Lohers Stück „Unschuld“

Staatstheater in Kassel Dea Lohers Stück „Unschuld“

Die Bühne ist behängt mit Kleidung. Hosen, Hemden, Jacken sind zusammengefügt zu hohen Wänden nach rechts, links und hinten. Ein grandios einfacher Einfall von Bühnenbildner Daniel Roskamp, denn aus dieser symbolischen Menschenmenge treten die Protagonisten der Inszenierung des Stückes „Unschuld“ hervor, und sie verschwinden darin. Und zu ihren Füßen plätschert knöchelhoch Wasser auf der Bühne. Regie hat der junge Regisseur Martin Schulze geführt, Premiere war jetzt am Staatstheater Kassel.

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Verdrehtes Paar: Ella (Jürgen Wink) und ihr Ehemann Helmut (Marie-Claire Ludwig).

Quelle: Ketz

Eigentlich sind es keine Durchschnittsmenschen, die die kluge und wortmächtige Autorin Dea Loher in ihrem Stück versammelt. Es sind Menschen, die sich mit ziemlich fiesen Problemen herumschlagen müssen. Elisio (Daniel Scholz) und Fadoul (Enrique Keil) beispielsweise, sie sind illegale farbige Einwanderer. Sie wohnen in einer Stadt irgendwo in Europa und sehen eine Frau, die ins Wasser geht und sich das Leben nimmt. Die Selbstmörderin Rosa (Anke Stedingk) lebte zusammen mit Franz, mit dem sie gerne ein Kind gehabt hätte. Doch Franz schenkt seine Zuneigung seinen Klienten, er richtet Verstorbene für die Beerdigung her. Bei dem jungen Paar zieht Rosas Mutter Frau Zucker (Eva-Maria Keller) ein. Sie leidet an Diabetes, die ihr nach und nach das Bein wegfrisst und erfindet ständig neue Biographien für sich. Oder Frau Habersatt (Agnes Mann), die bei den Hinterbliebenen von Mordopfern um Vergebung bittet, weil sie die Mutter der Täter sei. Sie erfindet ihre mordenden Kinder, denn ihr eigener Sohn starb kurz vor der Geburt. So trifft Habersatt auf die Eltern (Marie-Claire Ludwig und Thomas Sprekelsen), deren Kind Opfer einer Gewalttat wurde.
Die blinde Stripperin Absolut (Birte Leest) sehnt sich danach, beim Tanzen angesehen zu werden, und die alternde Ella (Jürgen Wink) philosophiert mit viel bösem Witz über die Unzulänglichkeit der Welt. Loher führt diese Charaktere im Laufe des Stücks auf sehr unangestrengte Weise zueinander. Und sie zeigt ihr Leben, in dem vieles nicht stimmt, für das andere verantwortlich sind, vielleicht aber auch nur das Leben.

Regisseur Schulze hat sehr genau hingeschaut. Er gibt den Figuren Raum, sich zu entwickeln, hat ein ausgeprägtes Gefühl für Abläufe und Zeit und einen guten Blick für Bilder. Und er versteht offensichtlich viel von Schauspielerführung. Denn das Ensemble spielt ausnahmslos auf einem enorm hohen Niveau. Abräumer sind dabei Keller, die ihre Frau Zucker wunderbar aufdringlich, aber auch mit viel Witz spielt, und Wink, dessen Ella mit der wilden Mähne so klug, charmant und plötzlich mörderisch daher kommt.

Die gelungene Mischung aus bemerkenswertem Text, starker Regie, beeindruckendem Bühnenbild und großartigem Ensemble vervollständigen die pointierte Bühnenmusik von Dirk Raulf und die stimmigen Kostüme von Ulrike Obermüller. Eine ganz starke Inszenierung, die bei der Premiere mit viel Beifall bedacht wurde. Anschließend verkündete Intendant Thomas Bockelmann, dass Schulze auch im kommenden Jahr wieder am Staatstheater inszenieren werde. Eine weise Entscheidung.

Weitere Vorstellungen: 23. und 28. Januar sowie 6., 19. und 27. Februar um 19.30 Uhr im Staatstheater Kassel. Kartentelefon: 05    61   /109    42    22.

Peter Krüger-Lenz

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