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Deborah Feldman stellt ihre Autobiografie vor

Literarisches Zentrum Göttingen Deborah Feldman stellt ihre Autobiografie vor

Sie leben in einer Parallelwelt mitten in New York. Die jüdische Glaubensgemeinschaft der Satmarer Chassiden lehnt die Moderne und den Staat Israel ab. Die Shoah sehen sie als Strafe Gottes für die Verweltlichung der Juden. Über ihren Bruch mit der Gemeinschaft sprach Deborah Feldman in Göttingen.

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Deborah Feldman im literarischen Zentrum in Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Zahlreiche Verbote prägten das Leben der ultraorthodoxen Satmarer, berichtete Feldman. Im ausverkauften Literarischen Zentrum stellte sie im Gespräch mit dem Göttinger Amerikanisten Andrew Gross ihre in diesem Jahr auf Deutsch erschienene Autobiografie „Unorthodox“ vor. Ein „charismatischer Rebbe“, so die Autorin, habe die Gemeinschaft 1905 im damals ungarischen Satmar gegründet und deren Zentrum 1946 nach New York verlegt. Um Gott zu besänftigen, hielten die Anhänger, überwiegend durch die Shoah traumatisierte Menschen und deren Nachfahren, das jüdische Gesetz besonders streng ein.

Nichts als blinder Gerhorsam

Englisch, so erfuhren die Zuhörer aus den von Schauspielerin Imme Beccard gelesenen Passagen, gilt den Jiddisch sprechenden Satmarern als „unreine Sprache“. Weltliche Bücher sind nicht erlaubt. Sexualität betrachten die Gläubigen, die jede Art der Empfängnisverhütung ablehnen, als „gefährlich“. Feldman wagte es im Bad nicht an sich herunter zu schauen. Ehefrauen müssen sich den Kopf rasieren. Während der Periode sind Frauen so unrein, dass selbst der Ehemann sie nicht berührt. Immer wieder stellte Feldman Fragen, um die Glaubenslehren zu verstehen. In einer Gemeinschaft, die blinden Gehorsam erwarte, wurde sie so zur Außenseiterin.

Schon als Mädchen wagte die Autorin Ausbrüche, erfuhren die Zuhörer. In einer weltlichen Bücherei stieß sie auf die Werke viktorianischer Schriftstellerinnen. „Ich identifizierte mich mit den Heldinnen, die sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten versuchten“, sagte die Autorin. Lange sei ihr die – arrangierte – Heirat als Weg zu mehr Freiheiten erschienen. Das Vertrauen zu ihrem Mann habe sie aber bereits nach der Hochzeitsnacht verloren. „Er berichtete seinem Vater, dass er die Ehe nicht vollzogen habe“, so Feldman. Der Grund: Der Körper der damals 17-Jährigen verkrampfte sich derart, das an Sex nicht zu denken war. Damit habe sie „Schande“ über die Familie gebracht, bekannte die Autorin.

Nach dem Ausstieg zur Bestsellerautorin

Später bekam sie doch einen Sohn. Damit er nicht auch ein Satmarer wird, beschloss die junge Frau auszusteigen. Da die Gemeinschaft alle Kontakte zu Abtrünnigen abbricht, bereitete sie sich systematisch auf ein eigenständiges Leben vor. Heimlich schrieb sie sich an einem College ein, um englische Literatur zu studieren. Dort wurde ihr schriftstellerisches Talent entdeckt. Ihre Autobiografie stürmte 2012 in den USA die Bestsellerlisten. Heute lebt sie in Berlin. In Göttingen schwärmte sie von den Deutschen, die Bücher genauso liebten wie sie.

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