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Den „Kicker“ lesen als Mittel der Stilkritik

Harry Rowohlt im Jungen Theater Den „Kicker“ lesen als Mittel der Stilkritik

Seine möglicherweise größte Sorge ist es, dass er seine Sprache und Redewendungen in den Kolumnen des „Kicker“ wiederfinden könnte. Und daher liest Harry Rowohlt das Fußball-Magazin regelmäßig, und sei es nur zur eigenen Stilkritik.

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Großer Geschichtenerzähler: Harry Rowohlt, seit 2001 Träger des Satirepreises „Göttinger Elch“.

Quelle: CH

Mit halb schelmischen, halb ernsten Geschichten wie dieser unterhielt der Sprachkünstler und Tausendsassa Rowohlt am Montagabend sein Publikum im Jungen Theater Göttingen.

Rowohlt, seit 2001 Träger des Satirepreises „Göttinger Elch“, liebt die Sprache, ihren Klang, ihre Vielfalt, die unendlichen Möglichkeiten, mit ihr zu experimentieren. Und daher ist trotz aller liebenswerten, humorvollen und bissigen Anekdoten immer auch ein tiefer Ernst im Spiel. So sehr er absurd-lustige große und kleine Geschichten liebt, so wenig Spaß versteht er, wenn es um die Kunstform Sprache geht. Mit ihr weiß er, in fantastischer Leichtigkeit umzugehen, immer auf der Suche nach dem gelungensten Vergleich und der perfekt pointierten Formulierung. Als erfahrener Übersetzer weiß Rowohlt nur zu gut, wovon er spricht. Er hat die Übersetzung auf eine künstlerische Ebene gehoben.

Unabhängig von diesem Ernst und Können gewinnt er als kauzig-sympathischer Typ mit fast so viel schauspielerischem wie sprachlichem Talent sein Publikum im Handumdrehen. Die Mischung aus Lesung, scheinbarem Abschweifen in mehr oder weniger textverbundene Erzählungen, witzige Kommentierungen und dem virtuosen Zurückfinden zum Ursprung erinnert an weit verzweigte Gedankenlandschaften, deren Kartierung trotz aller Verästelung fest an einem Ausgangspunkt verankert ist.

Ein Beispiel: Rowohlt las an diesem Abend aus seiner Übersetzung von Andy Stantons „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum“. Hier zeigt sich sein Können als Übersetzer, der aus dem Ursprungstext Originalität und Witz herauszuarbeiten versteht. Er ist aber auch perfekt darin, die Geschichte vorzutragen und ihren schrägen Charakteren auch in kürzesten Abschnitten sprachlich ein Gesicht zu geben. Eingestreut reihen sich Anekdoten von der Art, wie eine Verlagsvertreterin Rowohlt den Übersetzungsauftrag gab, an Kommentare zum meisterlichen Vergleiche-Spiel des Autors Stanton bis hin zu einer Theorie, warum Deutsche und Iraner sich so gut verstünden – weil in beiden Sprachen die Verben am Ende der Sätze ihren Platz hätten. Ein Abend mit Rowohlt wie man es sich wünscht: Anspruchsvoll und entspannend zugleich.

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