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Der Barbier von Sevilla an der Kasseler Staatsoper

Knallbunt verspieltes Ränkespiel Der Barbier von Sevilla an der Kasseler Staatsoper

Im Theater kann der Zuschauer schon mal Wechselbäder der Gefühle erleben. Auf Blut, Mord und Totschlag in Kleists „Penthesilea“ am Freitag folgte am Sonnabend eine der heitersten Opern der Musikgeschichte, Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“.

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Bassem Alkhouri (Graf Almaviva), Bénédicte Tauran (Rosina), Marian Pop (Figaro), Marc-Olivier Oetterli (Doktor Bartolo), Statistin und Hees Saup Yoon (Don Basilio), im Hintergrund Herren des Opernchores.

Quelle: Klinger

Kassel. Niemand stirbt, das Paar, das sich liebt, hält sich am Schluss im Arm, und der, der das verhindern wollte, bekommt zum Ausgleich die Mitgift der Unerreichten. So kann auch er sich am Ende freuen.

Es ist einfach unmöglich, von einem solchen Barbier nicht in heiterste Laune versetzt zu sein. Natürlich muss man schon etwas dafür tun, und daran wirken in Kassel Regie (Adriana Altaras), Bühnenbild (Valentin Köhler), Solisten, Chor und Orchester unter der Leitung von Yoel Gamzou gleichermaßen erfolgreich mit.

Während der Ouvertüre tragen die Choristen lauter Miniaturgebäude auf die Bühne, eine kleine italienische Stadt aus winzigen, von innen erleuchteten Häuschen, auch eine Kirche mit strahlendem Kreuz auf dem Turm. In der Mitte befindet sich im Maßstab eine zu eins Rosinas Balkonzimmer, was aber eng genug ist, kleinstädtische Atmosphäre auszustrahlen.

Fertig ist der farbige Rahmen – zu dem die knallbunt-verspielten Kostüme von Yashi hervorragend passen – für das gut zweieinhalbstündige listige Ränkespiel, in dem der erzschlaue Figaro die Fäden zieht und für jegliche Katastrophe die richtige Rettungsstrategie entwickelt. Gegen so viel sprühenden Geist ist jede noch so vermeintlich geschickt eingefädelte Intrige Bartolos zu Scheitern verurteilt. Geldgier darf schließlich nicht belohnt werden, wenn anderenorts wahre Leidenschaft brennt.

Regisseurin Adriana Altaras – ihre erste Kasseler Arbeit war Puccinis Tosca 2013 – wartet mit einem Feuerwerk an Einfällen auf, das ununterbrochen sprüht und funkelt. Sie hält das Bühnengeschehen perfekt auf Tempo und gibt dem Ganzen noch einen gehörigen Schuss italienisches Lokalkolorit mit Spaghetti-Klischee. Schließlich war Rossini ja kein Spanier, sondern Italiener. Dass Altaras vielleicht hier und da dem Affen reichlich Zucker gibt, dürfte ihr kaum jemand übelnehmen. Der „Barbier“ verträgt nun mal keine Bremse.

Gerechterweise etwas weniger flink im Kopf

Dem folgt auch Yoel Gamzou am Dirigentenpult. Nirgends hat unter seiner Leitung Rossinis Musik irgendeine Erdenschwere, alles ist federleicht, locker dahingetupft, dabei stets präzise und sauber im Detail durchgeformt. Marian Pop –Auftritt auf Vespa – ist ein hinreißender Figaro, schlau mit einer Durchtriebenheit, die schon mal ins lächelnd Fiese spielt. Stimmlich ist er enorm präsent, flink in Geist und Zunge.

In Benédicte Tauran hat er das weibliche Gegenstück: Sie singt die Rosina mit märchenhafter Leichtigkeit, mit Koloraturen, denen nirgends irgendein Schweißtropfen anhaftet. Sie ist schelmisch durch und durch, bezaubert, wo sie geht und steht, hüpft und tanzt, und verliert auch im heftigsten Liebesausbruch nicht die Übersicht.

Gerechterweise ist ihr Liebhaber Graf Almaviva (Bassem Alkhouri) etwas weniger flink im Kopf. Er kann sich ja auch auf Figaros Kniffe verlassen, um zu Rosina zu finden. So hat er mehr Zeit für ein kleines Schmachten hier, einen verliebten Augenaufschlag dort. Und kann seinen Tenor wunderbar in den schönsten Koloraturen strömen lassen.

Marc-Olivier Oetterli als Bartolo kann neben stimmlicher Kraft eine erstaunliche Zungenfertigkeit im Parlando vorführen. Die kleinen Partien komplettieren das bunte Ensemble zuverlässig, der reaktionsschnelle Chor hält dem Inszenierungstempo stets stand. Begeisterter, hochverdienter Befall in der ausverkauften Premiere.

Von Michael Schäfer

Termine: 19., 20., 28. Februar, 15. und 20. März um 19.30 Uhr sowie sieben weitere Termine bis Spielzeitende im Kasseler Opernhaus, Friedrichsplatz 15. Karten unter Telefon 05 61 / 10 94-222.
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