Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
"Der gute Mensch von Sezuan" im Club des Jungen Theaters Göttingen

Güte, Götter und Gericht "Der gute Mensch von Sezuan" im Club des Jungen Theaters Göttingen

Das ist dann doch eher selten: der Intendant ruft nach der Premierenaufführung noch einmal jeden Schauspieler auf die Bühne und bedankt sich. Es ist aber auch kein normales Theaterensemble, das am Sonntag im Jungen Theater Göttingen Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ gespielt hat.

Voriger Artikel
Oratorium Deborah mit Sopranistin Anna Dennis in Göttingen
Nächster Artikel
Monteverdis Marienvesper vom Collegium Vocale in der Weender Petri-Kirche
Quelle: Böhm

Göttingen. Es ist der Club Göttingen, den Intendant Nico Dietrich würdigt. Es ist einer von fünf Clubs am Jungen Theater, in denen Laien Theater spielen und ihre Fähigkeiten unter Anleitung von Theaterpädagogen und Schauspielern erweitern können. Theaterbegeisterte von 20 bis 80 Jahren vom Club Göttingen haben Brechts Stück gespielt. Inszeniert und einstudiert hat den Abend Agnes Giese.

 

Brechts Parabel, 1943 uraufgeführt, wird an deutschen Bühnen immer wieder gespielt. Es kommt nicht ganz so moralinsauer daher wie manch andere Stücke des Autors. Und auch in Zeiten der Globalisierung und des Turbokapitalismus bleibt die Frage aktuell, ob Güte in unserer Welt bestehen kann oder ob der Mensch sie sich nicht leisten kann. 

 

Drei Götter kommen auf die Erde und suchen einen guten Menschen. Ein schwieriges Unterfangen. Schließlich finden sie ihn in der Prostituierten Shen Te. Sie schenken ihr ein kleines Kapital, mit dem sie sich einen Tabakladen kauft. Ihre Gutherzigkeit und Großzügigkeit bringen sie allerdings immer wieder an den Rand des Ruins.

 

In ihrer Not verwandelt sich Shen Te in ihren hartherzigeren Vetter Shui Ta. Der zieht eine große Tabakfabrik auf, nötigt alle armen Schmarotzer zum Arbeiten. Am Ende fliegt Shen Tes Doppelspiel auf. Sie kommt vor Gericht, die Götter sind die Richter. „Euer einstiger Befehl / Gut zu sein und doch zu leben / Zerriß mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Ich / weiß nicht, wie es kam: gut sein zu anderen / Und zu mir konnte ich nicht zugleich. / … Denn wer könnte / Lang sich weigern, böse zu sein, wenn da stirbt, wer kein Fleisch isst?“ Die Götter aber weigern sich, diese Zerrissenheit wahrzunehmen und entschweben einfach auf einer rosa Wolke.

 

Giese hat Shen Te mit vier jungen Schauspielerinnen besetzt.  Hannah Langlo, Sina Waldmann, Sheila Hilpert und Luisa Schinkel geben nacheinander die heitere, etwas naive junge Frau und den harten, durchsetzungsfähigen Shui Ta. Ein besonderes Moment der Inszenierung ist die musikalische Begleitung von Timm Fitschen. Verschiedensten Instrumenten und Glöckchen entlockt er die Klänge, mit denen er das Spiel äußerst effektvoll begleitet. Das Ensemble zeigt sich spielfreudig und ist dem Stück durchaus gewachsen. Manchmal allerdings agieren sie zu hektisch. Etwas mehr Ruhe und Akzentuierung hätten die Zerrissenheit Shen Tes stärker spürbar werden lassen. So ist es ein unterhaltsamer Theaterabend mit schönen Momenten, der vom Premierenpublikum viel Applaus erhielt.

 

Nächste Vorstellungen im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6, um 20 Uhr am 19., 29. Mai, 4., 7., 21. Juni und am 14. Juli.

Von Christiane Böhm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff