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Des Autors Kampf mit der Hochsprache

Josef Bierbichler liest aus „Mittelreich“ Des Autors Kampf mit der Hochsprache

Am Starnberger See, wo in Ambach eine Anlegestelle der Bayerischen Seenschifffahrt liegt und wo seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Städter aus München oder anderen Orten gern ihre Sommerfrische verbringen, verlebt der Schauspieler und seit mehr als zehn Jahren auch Schriftsteller Josef Bierbichler seine Kindheit und Jugend auf einem Hof mit Seewirtschaft.

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Lesung und Gespräch: Josef Bierbichler mit Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums Göttingen.

Quelle: Vetter

Göttingen. Diese Region zwischen Landleben mit aufgestapeltem Heu, entfernt sichtbarer Zugspitze und sommerlich einfallender Weltoffenheit ist es auch, in der sein zweites Buch und zugleich sein erster Roman beheimatet ist. Aus „Mittelreich“ hat der 64-Jährige am Dienstag im Alten Rathaus vor rund 250 Zuhörern und Zuschauern auf Einladung des Literarischen Zentrums gelesen und mit Zentrums-Leiterin Anja Johannsen gesprochen.

Drei Generationen umfasst die Geschichte, sie beginnt dort, wo der Haneke-Film „Das weiße Band“, in dem Bierbichler den Gutsverwalter spielt, endet, kurz vor dem ersten Weltkrieg: „Es war eine große Unzufriedenheit. Wahrlich. Wenn nur etwas geschähe!“ Die Einordnung in den historischen Kontext liest Bierbichler langsam, kleine Unterbrechungen durchziehen den Lesefluss, so als würde er seinen eigenen Text mit diesem Lesen neu sehen.

„Seitdem ich denken kann, führe ich einen Kampf mit der Hochsprache, muss sie mir aneignen“, sagt Bierbichler, der mit Regisseuren wie Herbert Achternbusch, Werner Herzog und Tom Tykwer zusammenarbeitete. Und er vermutet, dass er an einige Orte durch den Sprachkampf aber auch bewusster gelange. Im Mundartlichen ändert sich seine Vortragsweise stark, zumal bei wörtlicher Rede, die Distanz verschwindet und er schlüpft kurz in den Text hinein wie in eine szenische Lesung, wobei Gestik und Mimik minimal bleiben, allein die Sprache, die Stimme vermag Eindrücke hervorzubringen.

„Ich habe versucht, das Ich wegzulassen.“

Obschon Autobiografisches den Roman präge, bestehe er weniger aus „Fleisch“ als noch sein erstes Buch und mehr aus „Material“. Material sei ihm sehr nahe, aber dennoch dasjenige aus der eigenen Geschichte, was er benutzen könne: „Ich habe versucht, das Ich wegzulassen.“ Für die Erzählung einer abgewendeten Beinamputation zum Beispiel seien Erlebnisse des Vaters mit denen eines Fischers aus dem Nachbardorf verwoben worden.

Die Abschnitte, die der Autor liest, sind lang, aus dem Publikum kommt dafür Zuspruch, einige möchten gern eintauchen in die Nähe und Unmittelbarkeit, die sich auf diese Weise für sie zu Text und Vorleser herstellt. Das Gespräch gerät dafür jedoch sehr kurz und beschränkt sich auf Fragen zu Rezensionen, die Bierbichler allesamt wegwischt: „Alles falsch.“ Auch positive Beschreibungen seien meistens verkehrt: „Dann lieber gar kein Lob.“ Ohnehin meint er, seine Anerkennung als Künstler habe er, anders als sein Protagonist, zwar gefunden und dennoch, fügt er hinzu: „Die Öffentlichkeit wird zu einem echten Problem für mich“.

Daraufhin liest er lieber weiter vor, 1967, „die anbrechende Zeit des Neoliberalismus“: „Ich will mein Geld vor einer Entwertung oder vor noch Schlimmerem schützen“, liest Bierbichler und stellt erstaunt schmunzelnd fest: „Das is ja unglaublich aktuell bis hier, merk i grad!“

Von Tina Lüers

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